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Lateinamerika Präsident Evo Morales hofft auf einen juristischen Sieg gegen Chile im Konflikt über Pazifikküste / Fläche nach Salpeterkrieg verloren

Bolivien kämpft um seinen Zugang zum Meer

Archivartikel

Es wirkt ein wenig verrückt. Einmal im Jahr feiert das südamerikanische Bolivien beim „Tag des Meeres“ seine Marine und die militärische Flotte. Das Problem: Der Andenstaat hat überhaupt keinen Zugang zum Ozean. Genau dagegen klagt die Regierung nun vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Von unserem Korrespondenten

Tobias Käufer

Der Mann, der den Streit um den Zugang zum Pazifik zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, inszeniert sich am „Tag des Meeres“ als Retter der Nation. Evo Morales, Sozialist und Präsident Boliviens, weiß um die verletzten Gefühle seiner Landsleute, die es einmal im Jahr zu pflegen gilt. Bis 1880 hatte Bolivien einen Zugang zum Meer, dann ging der 400 Kilometer breite Küstenstreifen am Pazifik im Salpeterkrieg an Chile verloren. Bis heute streiten sich Historiker darüber, ob dabei alles mit rechten Dingen zugegangen sei oder Bolivien Opfer einer chilenisch-peruanischen Verschwörung wurde.

Matrosen auf 3700 Metern Höhe

„Wir werden unseren Zugang zum Meer bekommen, weil es unser Recht ist“, ruft Morales seinen Leuten bei Wahlkampfveranstaltungen zu. Morales und das Meer, die Begriffe gehören untrennbar zusammen, seit der erste indigene Präsident Boliviens an der Spitze des Staates steht. Kritiker werfen ihm deshalb einen nationalistisch-expansionistischen Stil vor, doch Morales lehnt militärische Gewalt zum Erreichen dieses Ziels ab. Er geht den friedlichen, den juristischen Weg.

Bis dahin vertraut Morales auf den Mythos rund um Eduardo Avaroa, dessen goldener Sarg einmal im Jahr jeweils am „Tag des Meeres“ auf einen Ehrenplatz gestellt wird. Salut und Böllerschüsse begleiten die Zeremonie. Für 24 Stunden stehen die sterblichen Überreste aus der Kathedrale von La Paz im Mittelpunkt der Feierlichkeiten in La Paz hoch oben in den Anden. 3700 Meter über dem Meer, weit weg von allen Ozeanen dieser Welt, marschieren Matrosen, Veteranen und Kadetten der bolivianischen Kriegsmarine dann in Reih und Glied, grüßen militärisch korrekt den Sarg ihres Helden und begehen den „Día del Mar“ – den „Tag des Meeres“. Avaroa ist ein Volksheld, obwohl er eigentlich ein Verlierer ist. 130 Jahre nach der bitteren Schmach der bolivianischen Marine im Salpeterkrieg gegen Chile bewegt das Schicksal des Colonel der bolivianischen Bürgerwehr das Volk jedes Jahr aufs Neue. Legendär ist Avaroas Treue zum Vaterland und sein tapferer, wenn auch vergeblicher Einsatz im Kampf. Unsterblich aber wurde er durch seine letzten Worte, die er schwer verletzt den übermächtigen Angreifern entgegengeschleudert haben soll: „Mich ergeben? Eure Oma soll sich ergeben, carajo!“ Avaroas letzte Worte sind in Bolivien zu einem Synonym dafür geworden, nie aufzustecken und stets Würde und Stolz zu bewahren.

Verbeugung vor der Geschichte

Im einst ärmsten Land Südamerikas ist das angesichts immenser Probleme keine Selbstverständlichkeit. Morales sieht sich als legitimer Nachfolger Avaroas. Auch er will nicht aufgeben, wenn es darum geht, Boliviens Recht auf das Meer einzufordern und durchzusetzen. Ob er dabei erfolgreich ist, wird sich bereits kommende Woche entscheiden. Dann befindet der Internationale Gerichtshof in Den Haag darüber, ob Chile und Bolivien Verhandlungen aufnehmen müssen. Eine Niederlage wäre ein schwerer Schlag für Morales, ein Sieg aber die Krönung seiner politischen Laufbahn und wohl auch gleichbedeutend mit einer Wiederwahl bei der kommenden Präsidentschaftswahl.

Genau umgekehrt ist die Ausgangslage in Chile: Dort betrachten die Menschen das Vorpreschen Boliviens als einen Angriff auf die nationalen Interessen und die Grenzen ihres Landes. Die große Mehrheit der Chilenen lehnt direkte Verhandlungen mit Bolivien ab. Für sie wäre die Abgabe eines Küstenstreifens gleichbedeutend mit einer nationalen Niederlage.

Boliviens „Tag des Meeres“ ist dagegen eine Verbeugung vor der eigenen Geschichte. Ausgerechnet La Paz wird zum Aufmarschgebiet der bolivianischen Flotte. In der dünnen Luft der Metropole erinnert nichts an das Meer. Am Fuße der weit über 6000 Meter in die Höhe ragenden Andengipfel wirken die Matrosen wie exotische Tupfer aus einer anderen Welt – und doch repräsentieren sie den Stolz des bolivianischen Volkes. Neben dem 400 Kilometer langen Küstenstreifen mit seinen reichen Kupfervorkommen ging Boliviens Staatsgebiet ein Teil etwa von der Größe Englands verloren. Das ist kein Pappenstiel. Zum Ritual gehört auch die Präsentation maritimer Kraft: Kampftaucher, ein Lazarettschiff, Katamarane und viele Patrouillenboote. Bis zur Rückgabe des Meereszugangs übt die übersichtliche Flotte auf dem Titicacasee, rund zwei Autostunden von La Paz entfernt und 3810 Meter über dem Meeresspiegel. Auch das ist eine Botschaft. Bolivien will bereit sein für den Tag X, wenn das Land endlich wieder einen eigenen Küstenhafen besitzt. San Pedro de Tiquina heißt der Stützpunkt, an dem die Marine-Generationen nach dem Salpeterkrieg das Einmaleins erlernen. Der „Tag des Meeres“ hat Volksfestcharakter und trägt zuweilen karnevalistische Züge: Schulen, Sportklubs und Burschenschaften reihen sich in die stundenlange nationale Prozession ebenso ein wie evangelikale Christen oder die katholische Kirche.

Denkmal für den Nationalhelden

Ist der offizielle Teil der Ehrungen vorbei, zieht sich der Präsident auf eine Ehrentribüne zurück. Hier nimmt Boliviens Elite Platz: Kapitäne, Generäle, das Kabinett. Am Ende des Spektakels ist die Marine genauso aus dem Stadtbild von La Paz verschwunden wie der Sarg von Eduardo Avaroa. Ein Jahr lang darf der Nationalheld dann in Frieden ruhen, bevor er erneut herhalten muss – so lange, bis Bolivien wieder eine Küste hat. Erst dann soll der Nationalheld in den Fluten des Pazifik seine ewige Ruhe finden. Bis dahin bleibt den Bolivianern nur die riesige Skulptur Avaroas auf seinem eigenen Platz.