Welt und Wissen

Nahost Europa sowie die USA haben sich aus den Konflikten der Region zuletzt herausgehalten – und damit erheblich an Einfluss verloren

Bomben, Giftgas – und ein zweifelhafter Frieden

Archivartikel

Sieben Jahre dauert der Bürgerkrieg in Syrien schon. Und vor dem Wiederaufbau des Landes steht noch eine Schlacht an: der Kampf um die Rebellenbastion Idlib.

Die Sprechchöre gellen in den Ohren. Syrische Kinder sind angetreten im Hof ihrer Schule in Jalda, einem Vorort von Damaskus. „Mit unserer Seele, mit unserem Blut verteidigen wir Baschar!“, schreien sie. Ein fanatisches Bekenntnis zu Baschar al-Assad, dem Präsidenten. Örtliche Würdenträger sind zu Besuch, syrische Soldaten, und das russische Verteidigungsministerium hat internationale Journalisten eingeflogen, um zu zeigen: In Jalda ist Frieden eingekehrt.

Trotzdem sichern russische Scharfschützen vom Dach eines zerstörten Hauses das Gelände. Im syrischen Bürgerkrieg herrschte bis März die islamistische Miliz Dschaisch al-Islam in der Stadt. Dann griffen die Regierungsarmee und die Russen an. Die von Saudi-Arabien unterstützten Kämpfer verloren ihre Stellungen rund um Damaskus. Nun hat Assad wieder das Sagen. Und mit ihm das Regime, von dem sich viele im Jahr 2011 befreien wollten. Das führte damals zum Bürgerkrieg mit mehr als 400 000 Toten und Millionen Vertriebenen.

Rückkehr der Geflüchteten

Die Schule ist renoviert. Innen spachtelt ein Handwerker noch die Wände. Die russische Armee hat der Schule eine Ladung Bauholz gestiftet. Freundliche Offiziere lassen die Kinder über den Holzstapel toben. Militärpolizisten machen Erinnerungsfotos mit den kleinen Syrern.

Russland tut oft so, als sei der Syrien-Krieg so gut wie zu Ende. Präsident Wladimir Putin hatte 2015 militärisch eingegriffen und damit das Blatt zugunsten von Assad gewendet. Der 52-jährige Assad war fast schon geschlagen gewesen. Nun sind zwei Drittel des Landes wieder unter seiner Kontrolle. Nach Moskauer Darstellung herrscht Frieden. Der Wiederaufbau soll beginnen, die Geflüchteten sollen zurückkehren.

Putin setzt dabei auf Geld aus dem Land in Europa, das die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat: Deutschland. Knapp 725 000 Syrer zählt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hierzulande. Zwar sind sich die Europäische Union (EU) und die USA bisher einig: Gezahlt wird nicht. Assad habe sein Land selbst zerstört, Russland habe mit Luftangriffen schwere Schäden und viele Tote auf dem Gewissen. Dort liege die Aufgabe. Aber Putin weiß auch, wie stark die Flüchtlingsfrage die deutsche Politik unter Druck setzt.

Aber ist Syrien überhaupt schon so friedlich, dass das Land aufgebaut werden kann? In der Tat haben Syriens Regierungstruppen, unterstützt von Russland und Iran, zuletzt wichtige Gebiete eingenommen. Doch echter Frieden zeichnet sich nach mehr als sieben Jahren Bürgerkrieg nicht ab, von einem Ausgleich zwischen den verfeindeten Parteien gar nicht zu reden.

Vielmehr betont Assad immer wieder, dass er jeden Winkel des Landes unter seine Herrschaft bringen will. Seine Truppen sammeln sich deshalb an den Frontlinien in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens, der letzten Rebellenbastion. Auch Assads Gegner bringen Zehntausende in Stellung. Sie wissen, dass diese Schlacht ihre letzte sein könnte.

Al Dschadidah ist ein Grenzübergang vom Libanon nach Syrien. Langsam rollen Busse von Westen heran. Hier kommen Flüchtlinge aus dem Nachbarland zurück. Der syrische Staat will zeigen, dass er zum Empfang bereit ist. Ärzte warten, eine Landjugend-Gruppe jubelt auf Befehl, Russen regeln den Verkehr. Sie sei aus Sorge um ihre Tochter ins Ausland gegangen, berichtet eine Frau. Ein Mann erzählt, er sei geflohen, als Terroristen sein Dorf besetzt hätten. Er habe im Süden des Libanons gelebt. Fast eine Million Syrer war in den Libanon geflüchtet. Das Leben dort war elender als anderswo, Hilfen gab es kaum. Deshalb ist die Bereitschaft zur Rückkehr höher als aus anderen Ländern.

Oppositionellen droht Verhaftung

„Der Sieg wird erst komplett sein, wenn alle Flüchtlinge aus dem Ausland heimkehren“ – so hat es der Minister für Kommunalverwaltung und Umwelt, Hussein Machluf, in der Hauptstadt gesagt. Doch was erwartet die Rückkehrer? Bisher sind, so berichten die Vereinten Nationen (UN), nur wenige Tausend Flüchtlinge heimgekehrt. Syrien ist berüchtigt für die Folterkeller der Sicherheitsdienste. Menschenrechtler beklagen, Zehntausende seien in Gefängnissen verschwunden. Wer immer im Verdacht steht, mit der Opposition sympathisiert zu haben, muss auch als Heimkehrer mit Verhaftung rechnen.

Weil Syriens Militär nach vielen Jahren Krieg ausgelaugt ist, droht Männern die Zwangsrekrutierung. Mindestens 50 000 seien seit April in eroberten Gebieten eingezogen worden, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Krankenhäuser beschädigt

Einer Schätzung der Weltbank von 2017 zufolge ist fast ein Drittel aller Häuser Syriens beschädigt oder zerstört. Der Osten von Aleppo in Nordsyrien liegt zu großen Teilen in Schutt und Asche. Viele Industriezonen hat es schlimm erwischt. In den großen Städten ist jedes zweite Krankenhaus beschädigt. Syriens Wirtschaft ist um fast zwei Drittel geschrumpft.

Unterschiedliche Prognosen kursieren, wie teuer der Wiederaufbau werden könnte: 172 Milliarden Euro mindestens. Bisher läuft der Aufbau schleppend, weil der Regierung die Ressourcen fehlen und sie unter den internationalen Sanktionen leidet.

Devisenreserven aufgebraucht

Vier Tage fährt das russische Verteidigungsministerium die Journalistengruppe in Bussen durch Syrien. Bei der Einfahrt nach Homs verstummen alle Gespräche. Das Zentrum der drittgrößten Stadt Syriens liegt auch zwei Jahre nach Ende der Kämpfe in Trümmern. Artillerie und Luftangriffe haben die Stadt in einen Schutthaufen verwandelt. Trotzdem wird der traditionsreiche Basar wiedereröffnet: Kosmetik, Sonnenbrillen, Kleidung. Ein Anfang.

Rund 21 Millionen Menschen zählte Syrien vor dem Krieg. Mehr als fünf Millionen sind ins Ausland geflohen, mehr als sechs Millionen im Land vertrieben worden. Der Internationale Währungsfonds IWF schätzte 2016, der Wiederaufbau werde mindestens 20 Jahre dauern, sollte er 2018 beginnen – eine hypothetische Annahme. Syriens Devisenreserven sind so gut wie aufgebraucht.

Die USA und die europäischen Länder haben Assad und Russland militärisch das Feld in Syrien überlassen. Das Tauziehen um den Wiederaufbau ist wohl die letzte Chance, noch Einfluss auf die Nachkriegsordnung zu nehmen. Doch der Weg bis zu einem Wiederaufbau Syriens, zu einer Heimkehr der Flüchtlinge, womöglich gar aus Deutschland, ist extrem weit.

Zum Thema