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Technik Beim TSV Oftersheim trainieren inzwischen 80 Personen ihre Fertigkeiten und treten gegen andere Mannschaften an / Leistungszentrum für Talente geplant

Computerspiele entwickeln sich zum Breitensport

Archivartikel

Im Rhein-Neckar-Kreis sitzt der erste deutsche Amateurverein mit eigener eSports-Abteilung. Die Mitglieder betreiben Computerspiele wie klassische Sportarten – mit Training, Wettkämpfen und Werbepartnern.

Zwei ergraute Damen stehen im Jugendzentrum in Oftersheim, südlich von Schwetzingen. „Wir wollten uns das nur mal anschauen.“ Sie suchen den Raum, in dem eine Sportabteilung des TSV Oftersheim trainiert – und stehen nun vor Jonas Stratmann, 33 Jahre alt, tätowierte Arme, Tunnelringe in den Ohrläppchen. Der begrüßt die beiden Damen herzlich. Christa Brake und Renate Meyer sind beide langjährige Mitglieder des TSV. Sie wollen sich im Jugendzentrum ein Bild machen von den neuen Vereinsmitgliedern und ihrem Hobby.

Stratmann ist darüber sichtlich erfreut. Er ist Leiter der neuen TSV-Abteilung eSports – damit ist elektronischer Sport gemeint. Seit November 2017 ist der Verein aus Oftersheim der erste deutsche Amateurverein, zu dessen Angebot auch eSports gehört. Heißt konkret: Die Mitglieder der Abteilung betreiben Computerspiele als Breitensport. Sie trainieren ihre Fähigkeiten in regelmäßigen Übungseinheiten, werden dabei von einem Trainer begleitet und messen sich in Wettkämpfen mit anderen Teams – so wie dies auch die Handballer oder Leichtathleten tun, die dem TSV angeschlossen sind. Von der Gemeinde wurde ihnen dafür ein Raum im Jugendzentrum Oftersheim zur Verfügung gestellt.

Mit der gleichen Begeisterung, mit der er die beiden Damen empfängt, erzählt Stratmann von seinem Herzensprojekt. Im vergangenen Jahr sah der Erzieher auf Facebook eine Anfrage des TSV, der eine eigene eSports-Abteilung aufbauen wollte und dafür engagierte Menschen suchte. Stratmann war sofort Feuer und Flamme. Dank seiner pädagogischen Vorkenntnisse sei er für die Vereinsverantwortlichen ein geeigneter Abteilungsleiter gewesen, so Stratmann. Seitdem versucht er, neue Mitglieder zu werben und Strukturen aufzubauen, damit die E-Sportler ihr Hobby ähnlich betreiben können wie die Aktiven der klassischen Sportarten.

Von 13 bis 65 Jahre

Derzeit hat die eSports-Abteilung des TSV Oftersheim 80 Mitglieder – Tendenz steigend. Das jüngste Mitglied ist 13 Jahre alt. Aber obwohl eSports vor allem eine Sache der jüngeren Generation ist: Das Zocken am Computer ist nicht ausschließlich den Digital Natives vorbehalten – also denen, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind. Das älteste Mitglied der neuen Abteilung zählt 65 Jahre. Derzeit trainieren die Aktiven etwa Strategiespiele wie „League of Legends“, Ego-Shooter (Schießspiele) wie „Counterstrike“ oder Sportsimulationen wie „FIFA“. Die eSports-Abteilung orientiert sich dabei laut Stratmann streng an den gesetzlichen Altersfreigaben.

„Der TSV Oftersheim ist ein absoluter Glücksfall“, sagt Stratmann. Die Vereinsführung bringe den Computerspielern großes Vertrauen entgegen. Die Abteilung könne autark handeln. „Der Vereinsvorsitzende ist stets für alles offen“, so Stratmann. Dabei ist sicher hilfreich, dass TSV-Chef Markus Lauff bei der SAP arbeitet und schon beruflich bedingt digitalen Technologien gegenüber aufgeschlossen ist. Von ihm kam gemäß Stratmann auch die Idee, eine eSports-Abteilung zu gründen und einen entsprechenden Facebook-Aufruf zu starten.

Unterdessen haben die beiden Damen im Trainingsraum Platz genommen. Sie beobachten fünf junge Männer, die ihnen den Rücken zukehren, während sie vor Monitoren sitzen und ihre Finger über die Tastatur rasen lassen. Zwischendurch ein Schluck aus einer Softdrink-Dose. Generation Trimm-Dich-Pfad trifft auf Generation Y. Auf den Bildschirmen kämpfen bunte Fantasiewesen in einer virtuellen Welt gegen andere Fantasiewesen. An der Wand hängt eine Tafel, auf der der 18-jährige Trainer Johnny Obplachanh nach einzelnen Übungseinheiten Spielergebnisse notiert oder Taktikvorgaben erläutert.

Zwischen seiner Abteilung und den anderen im Verein gebe es einen regen Austausch, berichtet Stratmann. Die Vertreter der klassischen Seite holen sich zum Beispiel Hilfe beim Thema soziale Medien. Hier sind Stratmann und seine Leute Vorreiter. Sie nutzen etwa Plattformen wie Instagram oder Twitter, um neue Mitglieder zu werben.

Klassische Methoden

Auch beim Thema Werbepartnerschaft gehen die eSports-Aktiven im TSV voran. Zwei Informationstechnologiefirmen aus der Region konnten bereits als Sponsoren gewonnen werden. Ein Elektronikhändler unterstützt ebenfalls die Abteilung. Ende Juni fand dort in Zusammenarbeit mit dem TSV ein FIFA-Turnier statt. Im Gegenzug profitieren die E-Sportler von dem Wissen der anderen Abteilungen, wenn es etwa um Trainingsmethodik geht. „Der TSV Oftersheim ist ein gutes Beispiel dafür, wie eSports erfolgreich integriert werden kann“, sagt Hans Jagnow, Präsident des eSports-Bunds Deutschland (ESBD). „Die Verantwortlichen nutzen die Synergien, die sich zwischen der eSports-Abteilung und den klassischen Sportarten im Verein ergeben.“

Hochwertige Rechner

Was die Mitgliedschaft im Verein aber vor allem so attraktiv macht für die Digital Natives – die erste mit dem Internet aufgewachsene Generation –, ist ein analoges Bedürfnis. „Wenn sie zu Hause spielen, sind sie mit ihren Teammitgliedern nur online verbunden“, erklärt Stratmann. „Hier im Verein kommen sie regelmäßig in einem Raum zusammen, können sich austauschen und als tatsächliches Team funktionieren.“ Hinzu kommt, dass die eSports-Aktiven im Verein an Computern zocken, die sich viele von ihnen sonst nicht leisten könnten.

So wächst die Mitgliederzahl weiter. Das ermutigt Stratmann, weitere Pläne zu verfolgen. So hat sich die eSports-Abteilung des TSV Oftersheim offiziell in eSport Rhein-Neckar umbenannt. Unter dem Namen sollen alle eSports-Aktivitäten der Region gebündelt werden, so die Wunschvorstellung. Vereine, Teams oder Spieler aus den Nachbarstädten seien herzlich willkommen, so Stratmann. Langfristig gibt es dann ein weiteres Ziel. „Wir würden hier gern ein Leistungszentrum für eSports aufbauen – so in vier bis fünf Jahren“, sagt Stratmann und strahlt.

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