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Interview Mannheimer Wahlforscher über die Popularität von Winfried Kretschmann und dessen Aussichten auf eine dritte Amtszeit als Regierungschef

„Das Alter ist heute nicht ganz so entscheidend“

Mannheim.Seine hohe Popularität verdankt Winfried Kretschmann nach Ansicht von Matthias Jung, Chef der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, seinem Image als verlässlicher und sympathischer Landesvater. Eine erneute Bewerbung bei der Landtagswahl 2021 werde aber „nicht so ganz leicht“.

Herr Jung, Winfried Kretschmann genießt höchstes Ansehen bei den Bürgern. Was ist die Grundlage seiner Popularität?

Matthias Jung: In erster Linie ist es sein glaubwürdiges, in weite Bevölkerungskreise ausstrahlendes Image als sympathischer, verlässlicher und sich um die Belange der Menschen kümmernder Landesvater.

Der Politikertyp Landesvater ist ein wenig aus der Zeit gefallen. Warum schadet ihm das nicht?

Jung: Das Bedürfnis nach einem Landesvater, der sich auch menschelnd um die Belange der Bürger kümmert, der Verständnis und Witz hat und auch ein bisschen Kante zeigt, ist nach wie vor aktuell. Gerade deshalb, weil die heutigen, meist jüngeren Politiker viel zu technokratisch und zu aalglatt erscheinen.

Warum schaden seinem Ansehen Konflikte und Krisen seiner grün-schwarzen Koalition nicht?

Jung: Die Masse der Bürgerinnen und Bürger beschäftigt sich ja nicht intensiv mit Politik und schon gar nicht mit Landespolitik. Ein Großteil dieser Krisen geht an ihrer Wahrnehmung vorbei. Ohnehin wird eine Koalition in der Reihenfolge Grün-Schwarz nicht als stromlinienförmig erwartet. Reibereien gelten da fast als notwendig zur glaubwürdigen Präsentation der Partner.

Können die Grünen den mit Kretschmann erreichten Erfolg konservieren?

Jung: In dieser Größenordnung mit Sicherheit nicht. Der vergleichsweise knappe Sieg von 2011 war zwei speziellen Bedingungen geschuldet: Zum einen der Reaktorkatastrophe von Fukushima und zum anderen der Tatsache, dass die CDU sich von einer bürgernahen, die Interessen ihrer bürgerlichen Wähler repräsentierenden Partei weit entfernt hatte.

Hat die CDU im konservativen Baden-Württemberg erst nach Kretschmann wieder eine Chance auf die Mehrheit?

Jung: Konservativ heute ist etwas anderes als zu Zeiten von Alfred Dregger und Manfred Kanther. Heute heißt das eher, dass man etwas vorsichtiger ist und mehr mit dem gesunden Menschenverstand agiert statt mit ideologischen Konzepten. Dieses Bedürfnis wird von den Grünen unter Kretschmann in Baden-Württemberg bedient. Man muss aber auch sehen, dass Kretschmann Exot im grünen Lager ist und nicht repräsentativ für die Führung der Grünen insgesamt.

Wäre Kretschmanns Alter ein Hindernis bei einer nochmaligen Kandidatur 2021?

Jung: So ganz leicht wird das nicht. Es kommt darauf an, mit was für einer Performance und welchem Angebot für die Gemütslage man an die Bevölkerung herantritt. Das Alter ist in der heutigen Zeit nicht ganz so entscheidend. Bernhard Vogel hat im fortgeschrittenen Alter in Thüringen eine absolute Mehrheit geholt. Es hängt von den Rahmenbedingungen und der Person ab. Generelle Prognosen sind nicht möglich.

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