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Niger Abgeschirmt von der europäischen Grenzschutzagentur Frontex stranden Flüchtlinge oft am Mittelmeer – und werden ungeachtet ihrer Herkunft abgeschoben

Das Flüchtlingsdrama im Herzen Afrikas

Archivartikel

Noch bis morgen ist Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gast in Westafrika. Dort ist das zentralafrikanische Land Niger das Sammelbecken für Menschen, die sonst niemand aufnehmen mag. Ein Besuch vor Ort.

Alain Soumaté wirkt durcheinander und mitgenommen. Der etwa 30-jährige Nigerianer wurde vor kurzem von algerischen Sicherheitskräften ohne Wasser oder Verpflegung am „Point Zero“ in der Sahara ausgesetzt, einem Pfosten, der in einem Meer aus Sand die Grenze zwischen Algerien und Niger markiert.

Soumaté und die anderen Abgeschobenen machten sich in der Hitze zu Fuß auf den Weg in die nächste Siedlung Assamaka, etwa zwölf Kilometer entfernt. Sie hatten Glück, wurden unweit der Grenze von einem Team der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gefunden und in ein Transitzentrum nach Agadez gebracht, einer Stadt im Norden der Republik Niger.

Soumaté scheint noch nicht richtig zu begreifen, was ihm wiederfahren ist. „Ich bin mit dem Bus von der Arbeit nach Hause gefahren“, erzählt der kräftige junge Mann, er habe zuletzt in der algerischen Hauptstadt Algier in einer Fabrik für Wellblech gearbeitet. Schwer bewaffnete Polizisten hätten den Bus angehalten und seien eingestiegen. „Sobald sie einen Schwarzen sehen, ist es vorbei“, sagt er. „Sie nehmen dir alles ab, sogar dein Geld und deine Papiere – alles.“ Nach ein paar Tagen im Gefängnis sei er abgeschoben worden.

Dass Algerien Schwarzafrikaner rigoros aus dem Land wirft, beobachtet die IOM seit September 2017. Einige Wochen zuvor hatte die algerische Regierung ein entsprechendes Programm offen angekündigt, mit einem unverhohlen rassistischen Unterton.

Organisierte Netzwerke

So erklärte der algerische Außenminister Abdelkader Messahel im Juli 2017, afrikanische Migranten seien eine Bedrohung für die Sicherheit seines Landes. Algerien sei dabei, entsprechende Maßnahmen dagegen zu ergreifen, „und dabei dem Beispiel vieler anderer Staaten gefolgt, einschließlich der europäischen Staaten“. Messahel bezeichnete diese Maßnahmen als „unaufschiebbar“, weil gut organisierte Netzwerke hinter dieser „Plage“ der massiven Einwanderung schwarzafrikanischer Migranten steckten.

Seitdem ist die Zahl der Abgeschobenen nach Niger drastisch gestiegen, 25 000 waren es im vergangenen Jahr. Darunter afrikanische Arbeitskräfte mit korrekten Papieren und anerkannte Flüchtlinge. Der UN-Sondergesandte für die Menschenrechte von Migranten, Felipe Gonzalez Morales, hat die Massenabschiebungen aus Algerien nach Niger scharf kritisiert: sie verletzten internationales Recht. Seine Kritik blieb ohne Folgen.

Mobile Teams der IOM versuchen, die Opfer der algerischen Abschiebepolitik in der Sahara zu finden. Dann werden sie in eines der Transitzentren der IOM im Niger gebracht und bei der Rückreise in ihre Heimat unterstützt. „Freiwillige Rückkehr“ heißt das.

Die Zahl derjenigen, die im Niger gestrandet sind und bei der Rückkehr Hilfe brauchen, hat sich laut IOM seit 2015 fast verzehnfacht: auf annähernd 15 000 Menschen im vergangenen Jahr. Das Budget der UN-Organisation wurde seither entsprechend erhöht, sagt Martin Wyss, Leiter der IOM-Mission im Niger. „Die EU hat in Anführungszeichen ihr Ziel erreicht, den Migrationsfluss nach Norden zu unterbinden“, sagt Wyss. „Aber unsere Arbeit hat massiv zugenommen, weil sehr viele Menschen vom Norden zurückwollen und auf ihrem Weg in ihre Heimatländer Unterstützung brauchen.“ Darunter sind Abgeschobene aus Algerien und Menschen, die von der IOM aus Internierungslagern in Libyen zurückgeholt wurden. Aber auch Arbeitssuchende, die nicht auf der Rückkehr aus dem Norden sind, sondern schon auf dem Hinweg im Niger hängenblieben.

Auf Wunsch Europas hat Niger im Jahr 2015 ein Gesetz verabschiedet, das Ausländern die Durchreise durch den Wüstenstaat Richtung Norden verbietet. Da die meisten Arbeitsuchenden in der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas leben, zu der auch die Republik Niger gehört, durften sie sich bis dahin bis zu drei Monaten visafrei im Land bewegen. Erst das sogenannte Gesetz 036/2015 hat den Transport von Migranten kriminalisiert, aus Transportunternehmern Schlepper gemacht. Wer es trotzdem versucht, geht ein viel höheres Risiko ein, weil die Schlepper längere und gefährliche Routen durch die Wüste wählen, um Militärpatrouillen zu umgehen.

Aber Soumaté sagt, dass er nie zum Arbeiten nach Europa wollte, der Verdienst in Libyen oder Algerien hätte ihm gereicht. Mit dem massiven Rassismus, den er in den arabisch geprägten, nordafrikanischen Ländern erlebte, hatte er allerdings nicht gerechnet. Soumaté wurde in den vergangenen Jahren in Algerien und davor in Libyen immer wieder gedemütigt und gequält. In Libyen habe er drei Jahre lang gearbeitet: als Maurer, Anstreicher, Autowäscher. Dann sei er von Menschenschmugglern gekidnappt und in Haft genommen worden.

Folter und Vergewaltigungen

In einem Internierungslager in Sabratha, knapp 70 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt, hätten die Schmuggler ihn und etwa 500 weitere Menschen festgehalten, gequält und gefoltert. Soumaté erzählt, dass ihre Familien immer wieder angerufen und aufgefordert worden seien, Geld zu zahlen, damit die Opfer freikommen. „Unsere Wächter waren sehr aufbrausend“, berichtet Soumaté. „Sie haben Pistolen dabei und können dich jederzeit erschießen.“ Er und die übrigen Gefangenen seien regelmäßig ausgepeitscht worden. „Und die Frauen haben sie vergewaltigt“. Er selbst sei nach einem Monat freigelassen worden. „Sie sagten, meine Familie habe rund 4000 Euro gezahlt. Danach konnte ich gehen.“

Er wollte das Geld nicht schuldig bleiben und seine Suche nach Arbeit jetzt erst recht nicht aufgeben, deshalb reiste er weiter nach Algerien. Nach der brutalen Abschiebung von dort zieht Soumaté nun nichts mehr Richtung Norden, er will zurück nach Nigeria. Dort leben seine Frau und sein Sohn, die er seit Jahren nicht gesehen hat. Er kehrt müde, verstört und mutlos nach Hause zurück. Irgendwie wird er dort für sich und seine Familie eine Existenz aufbauen müssen. Wie das gehen soll, weiß er noch nicht.

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