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„Das große Wunder: die friedliche Revolution“

Archivartikel

Sie gehört zu den lang- lebigsten und populärsten Comic-Serien weltweit: Spirou und Fantasio. Zum 80-Jährigen durfte der Berliner Flix als erster Nicht- Frankophoner den Band „Spirou in Berlin“ zeichnen.

Herr Görmann, wie und wann haben Sie Spirou kennengelernt?

Felix Görmann: Oh, das kann ich nur vermuten, weil ich noch echt klein war. Ich bin in Darmstadt aufgewachsen, und dort gab es eine gut sortierte Comicabteilung in der Stadtbibliothek. So habe ich Spirou und Fantasio entdeckt. Damals muss ich so zwischen sechs und acht Jahre alt gewesen sein. Über das Marsupilami war ich angefixt, das Tier hat mich in den Bann gezogen.

Sie sind der erste Deutsche, der Hand an die Serie legen darf – was empfinden Sie?

Görmann: Es ist eigentlich unglaublich. Ich kann es immer noch nicht so recht glauben, dass wir das gemacht haben. Spirou ist eine der Serien, warum ich Comic-Zeichner werden wollte. Und dann auf einmal selbst ein Abenteuer zu entwickeln, nicht nur Autor zu sein, sondern auch Zeichner – das ist unglaublich. Ich muss während der Arbeit knallhart ausblenden, was ich da mache. Weil ich sonst die Fassung verliere, das hat die Chance zu einer Schreibblockade. Wenn man so denkt: Jetzt arbeite ich an den Sachen, die sich André Franquin ausgedacht hat. Das ist schon krass! Für einen Comic-Zeichner ist er wenn schon kein Gott, dann mindestens ein Halbgott.

Sind Sie während des Zeichnens mit anderen Augen durch Ihre Heimatstadt Berlin gelaufen?

Görmann: Definitiv. Immer, wenn ich an Projekten sitze, die an einen Ort gebunden sind, schaue ich mir den noch mal ganz anders an. In diesem Fall war es besonders spannend. Ich wohne ja in Pankow, in Ostberlin, und die ehemalige Mauer ist von meinem Atelier etwa 200 Meter weg. Das ist etwas sehr Präsentes im Alltag. Auf einmal sehe ich das alles wieder. Gleichzeitig habe ich bei dem Band versucht, nicht so einen speziellen „Nur-Berlin-Blick“ auf die Stadt zu haben, sondern auch zu sehen, was ist für Außenstehende interessant. Was verbinden Leute, die in Brüssel oder Paris leben, mit Berlin? Und wieweit kann ich sie mitnehmen, ohne sie in zu genauen Details zu verlieren. Es war irre: Einerseits bin ich tiefer eingetaucht, gleichzeitig aber auch drei Schritte vom Bild weggetreten, um einen anderen Eindruck zu bekommen.

Gab es spezielle Vorgaben?

Görmann: Das Thema war gesetzt. Es sollte ein Abenteuer sein, das in Berlin spielt. Zu welcher Zeit, das habe ich mir aussuchen können. Eigentlich kommen anhand der Figur nur die vergangenen 80 Jahre in Frage. Da sind wir entweder ganz am Anfang, in den Kriegszeiten, die ich einerseits als deutscher Autor schwierig finde, auf 50 Seiten angemessen zu bearbeiten – in so einem Universum, das eher auf Komik als auf Tragik angelegt ist. Zum anderen gibt es ja auch schon Bände von Émile Bravo und Olivier Schwartz, die sich zwar nicht exakt mit Deutschland im Zweiten Weltkrieg, aber mit der Zeit rund um den Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Das Thema ist quasi in der Reihe schon bearbeitet.

Warum nicht die Gegenwart?

Görmann: Die fand ich nicht spannend genug. Klar passiert in Berlin wahnsinnig viel, man könnte auch über die Gentrifizierung in Kreuzberg erzählen und so. Aber das passiert in anderen Städten auch. So kam ich auf die DDR. Das große Wunder der deutschen Geschichte: die friedliche Revolution. Das ist ein spannender Punkt, der auch für Europa interessant ist, der auch für andere Länder eine Relevanz hat.

Wie lange hat die Umsetzung gedauert?

Görmann: Ich habe vor etwa drei Jahren angefangen, erste Ideen zu sammeln. Die Vorarbeit hat – bis wir die Story so weit

stehen hatten, dass die Belgier grünes Licht gegeben haben – etwa zwei Jahre gedauert. Es gab auch Versionen, die noch nicht funktioniert haben, wo wir ändern mussten. Die wirklich intensive Arbeitsphase war von Oktober 2017 bis Mitte Mai, also gut sieben Monate.

Inwiefern haben Sie Ihren Zeichenstil an die Serie angepasst?

Görmann: Es ist der Stil, wo ich aktuell stehe. Es gibt Zeichner, die möchten möglichst gleich erkennbar sein. So arbeite ich nicht, da langweile ich mich. Ich möchte mich gerne weiterentwickeln. Wenn man sich die Schritte von „mädchen“, über „Faust“, „Don Quichotte“ und später „Glückskind“ anschaut, merkt man, dass der Strich sich immer ändert. Es gibt ein paar Elemente, die bleiben gleich. Zum Beispiel die Quadernasen bei Männern. Auf Wunsch von Dupuis habe ich die rausgeschmissen. Das war einer der Kritikpunkte an meinen Figurenentwürfen. Glücklich war ich im ersten Moment nicht. Ich dachte, ich gebe da einen Teil meiner künstlerischen Handschrift auf. Im Nachhinein bin ich echt froh. Die Figuren sind viel vielfältiger geworden, das gibt mir eine neue Freiheit, die ich mir davor scheinbar nicht zugetraut hätte.

Was macht Ihren Band speziell?

Görmann: Anders ist, dass ich an mehreren Stellen versuche, grafische Lösungen zu finden, für das, was ich erzählen möchte. Dass zum Beispiel der Aufzug unten aus der Seite rausfährt oder dass man die Rohre von der Seite sieht, wenn jemand durchklettert.

In die Haut welcher Serienfigur würden Sie gerne mal schlüpfen?

Görmann: In die des Grafen von Rummelsdorf. Der ist mir einerseits fremd, weil er so trottelig ist und in seiner eigenen Welt lebt. Aber dieses permanent nur an Erfindungen zu denken, keine Hemmungen zu haben, sie an sich selber und der Umwelt auszuprobieren, das finde ich schon reizvoll.