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Gibraltar Nur 14 Kilometer trennen das europäische Festland vom afrikanischen Kontinent / Zehntausende Schiffe jährlich passieren die Meerenge

Das „neue Lampedusa“: Algeciras in Andalusien

Die spanische Industriestadt Algeciras liegt an der Meerenge von Gibraltar. Schon jetzt kamen dort so viele Flüchtlinge mit Booten aus Marokko an wie nie zuvor. Bürgermeister José Ignacio Landaluce klagt über ausbleibende Hilfe.

Herr Landaluce, der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska war kürzlich in Algeciras. Sein Urteil lautete: Die Situation ist unter Kontrolle. Empfinden Sie das auch so?

José Ignacio Landaluce: Mich interessiert nicht, was der Innenminister sagt. Schauen Sie sich an, wie viele Migranten hier angekommen sind in den vergangenen Wochen. Die Regierung in Madrid rühmt sich, sie habe das Rettungsschiff „Aquarius“ aufgenommen. Wir haben jeden Tag so viele Menschen wie auf einer „Aquarius“, die hier ankommen. Die Leute haben hier teilweise in Rettungsbooten geschlafen oder auf dem nackten Boden, weil wir sie nicht unterbringen konnten.

Sie haben Algeciras zum neuen Lampedusa erklärt. Kritiker werfen ihnen dafür Populismus vor!?

Landaluce: Lampedusa hatte ein riesiges humanitäres Problem mit vielen Toten. Auch wir hatten in diesem Jahr schon viele Tote. Manche sprechen von 60, andere Quellen von über 300. Hinzu kommt, dass wir die Menschen aus Platzmangel zusammenpferchen müssen. Was sonst soll das sein außer ein humanitäres Problem? Deshalb habe ich diesen Vergleich gewählt, auch um die Aufmerksamkeit aus Brüssel zu bekommen. Das ist hier kein Problem, das nur Algeciras hat. Es ist ein Problem, das Europa hat. Die Gemeinden arbeiten hier zwar intensiv zusammen, aber wir können nicht diejenigen sein, die sich allein darum kümmern.

Wie bewältigen Sie die schwierige Aufgabe?

Landaluce: Wir haben alle zusammen in den vergangenen Wochen sehr hart gearbeitet. Aber wir haben weder die menschlichen noch die wirtschaftlichen Ressourcen, um das zu bewältigen. Bisher verlassen wir uns voll auf die Hilfe unserer Bürger, die mit großer Warmherzigkeit und Aufopferung den Menschen helfen. Die schaffen alles heran, was sie nur können. Das macht mich wahnsinnig stolz. Und ich spüre, dass es jetzt meine Pflicht ist, auf diese Situation aufmerksam zu machen.

Was schlagen Sie vor?

Landaluce: Ich will, dass die Verantwortlichen der Europäischen Union hierherkommen, dass wir uns zusammensetzen und Lösungen erarbeiten. Das Problem hat so viele politische Facetten. Wir müssen mit unseren Freunden und Nachbarn in Marokko reden, um Lösungen zu finden für die Menschen, die dort ankommen. Wir müssen Lösungen finden für die Menschen in ihren Ländern, aus denen sie fliehen wollen. Und wir müssen gegen die Schlepper vorgehen. Denen ist völlig egal, wen sie in die Boote setzen. Es sind nur 14 Kilometer, die uns von Marokko trennen, aber die sind sehr gefährlich. Zehntausende Schiffe fahren im Jahr durch die Straße von Gibraltar. Und es gibt extreme Strömungen.