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„Das sollte uns Sorge bereiten“

Archivartikel

2018 hat die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung ein Büro in Hongkong eröffnet, um von dort die Entwicklungen in Asien zu beobachten. Leiter des Hongkonger Büros ist Armin Reinartz.

Herr Reinartz, die chinesische Regierung sammelt sämtliche Daten ihrer Bürger, Kameras scannen Gesichter und Bewegungsabläufe auf Straßen und Plätzen – wird hier George Orwells Roman Wirklichkeit?

Armin Reinartz: China nutzt innovative, neue Möglichkeiten, um die Überwachung seiner Bürger massiv auszuweiten. Und wir – also der Westen – müssen aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Zumal China Technologien wie Künstliche Intelligenz nicht nur im eigenen Land anwendet. Viele Länder, die ebenso wenig demokratisch verfasst sind wie China, zeigen bereits Interesse. Das sollte uns Sorge bereiten.

Sind wir zu wenig innovativ?

Reinartz: Nicht unbedingt. Wir hinken aber politisch hinterher, mindestens zehn bis 20 Jahre. China nutzt Innovationen sehr aktiv und vorausschauend, das heißt, die kommunistische Regierung hat das Verständnis, was die Technologien bedeuten und wie sie sie für ihre Zwecke nutzen kann. Insofern muss man Respekt haben, was hier innerhalb kürzester Zeit aufgebaut wurde.

Respekt oder eher Angst?

Reinartz: Der Trend ist klar negativ. Die Reformmöglichkeiten des jetzigen Systems sind ausgereizt. Aber angesichts des Jahrestages der Niederschlagung des Volksaufstandes auf dem Tiananmen-Platz lohnt es sich, sich auch einmal daran zu erinnern, was vor dem blutigen Ende passierte. Da war eine studentische Bewegung, die vom Geist getrieben war, China voranzubringen.

Wo sind die Studenten jetzt?

Reinartz: Jetzt ist das natürlich schwierig. Aber es gibt ja in diesem Jahr noch einen weiteren Gedenktag: 100 Jahre 4.-Mai-Bewegung. Auch damals, 1919, zogen Studenten auf den Tiananmen und forderten Reformen ihres rückständigen Landes. Dieser Wille zu Reformen tritt in der chinesischen Gesellschaft also immer wieder auf, das ist keine Eintagsfliege. Und das stimmt mich langfristig positiv. sba

Das Interview wurde telefonisch geführt und Armin Reinartz vor Veröffentlichung vorgelegt.

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