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„Der Anfang ist das Schwierigste“

Archivartikel

Yvonne Zwick ist stellvertretende Generalsekretärin des deutschen Rats für nachhaltige Entwicklung.

Frau Zwick, Sie haben mir für das Experiment die zehn wichtigsten Tipps für ein nachhaltiges Leben genannt. Mein CO2-Fußabdruck hat sich aber kaum verringert. Was habe ich falsch gemacht?

Yvonne Zwick: Ich finde knapp 20 Prozent Einsparung in vier Wochen gar nicht so schlecht. Der Anfang ist ja das Schwierigste, Gewohnheiten ändern wir erst langfristig. Besonders dann, wenn die Lebenssituation gleich bleibt. Das zeigen auch unsere Umfragen, dass Routinen nachhaltigen Konsum erschweren. Wenn man etwas länger einübt, wird es leichter. Man entdeckt fast automatisch Alternativen, etwa Restaurants oder Kochrezepte, und fängt an, weniger zu konsumieren. Das ist das nächste Level. Dann verselbstständigt sich die Sache – und macht richtig Spaß.

Ist das Ziel, zwei Tonnen CO2 pro Jahr auszustoßen, überhaupt realistisch?

Zwick: Es ist zumindest schwer zu erreichen. Bei uns in Deutschland liegt der Wert für die öffentlichen Emissionen, also beispielsweise Verkehrsinfrastruktur oder öffentliche Gebäude, ja schon bei 0,73 Tonnen. Diesen Sockel können Sie nicht direkt beeinflussen. Wenn Sie insgesamt trotzdem bei zwei Tonnen bleiben wollen, müssen Sie sich schon sehr an die Kandare nehmen. Studien vergleichbar zu Ihrem Versuch haben gezeigt, dass vier bis fünf Tonnen gut machbar sind – wenn man sehr konsequent alles umstellt, also etwa die Wohnfläche pro Person reduziert, den Konsum tierischer Produkte minimiert und das Mobilitätsverhalten komplett umstellt.

Und wenn man seine Wohn- und Arbeitssituation nicht verändern kann oder will?

Zwick: Dann bleibt immer noch die Möglichkeit zu kompensieren. Es gibt seriöse Projekte, die einen Ausgleich von Emissionen an anderer Stelle ermöglichen. Das klingt zwar ein bisschen nach Ablasshandel. Aber das ist allemal besser als Schulterzucken. Zudem kann man Geld nachhaltig anlegen, dann entfaltet es ebenfalls eine positive Wirkung.

Der CO2-Fußabdruck ist nur ein Indikator der Nachhaltigkeit. Welche gibt es noch?

Zwick: Viele, Nachhaltigkeit hat zahlreiche Facetten. Jeder sollte sich überlegen, welche ihm besonders wichtig ist. Neben dem Klimaaspekt und Ressourceneffizienz geht es auch um sozialverträglichen Konsum, darum, dass Menschen- und Arbeiterrechte gewahrt werden, dass alle ein gutes Leben führen können.

Welchen Tipp haben Sie zum Schluss noch für mich?

Zwick: Bleiben Sie dran!

Das Interview wurde telefonisch geführt und autorisiert.

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