Welt und Wissen

Brexit Ein EU-Austritt Großbritanniens ohne Abkommen könnte den Frieden auf irischer Insel gefährden – oder zur Wiedervereinigung führen

,,Der Geist ist aus der Flasche“

Die irisch-republikanische Partei Sinn Féin ist die einzige Partei, die sowohl im Norden als auch im Süden Irlands bedeutend aktiv ist. Mit Sorge verfolgt sie die Brexit-Debatten. Ein Gespräch mit der Sinn-Féin-Vorsitzenden Mary Lou McDonald.

Frau McDonald, derzeit suchen Regierung und oppositionelle Labour-Partei in London nach einem Ausweg aus der Brexit-Sackgasse. Welchen Kompromiss würden Sie für Nordirland wünschen?

Mary Lou McDonald: Zunächst einmal gibt es keine erfreulichen Nachrichten bezüglich des EU-Austritts. So etwas wie ein guter Brexit existiert nicht. Selbst mit einem Abkommen und dem Backstopp, also der Garantie für eine offene Grenze auf der irischen Insel, wird der EU-Austritt Irland und den irischen Interessen schaden. Alles andere als ein Verbleib des Nordens in der EU löst die Angelegenheit nicht.

Sie bezeichnen den bevorstehenden EU-Austritt als konstitutionelles Erdbeben für das Königreich. Dieses könnte aber Ihrer politischen Forderung nach einer Wiedervereinigung mit der Republik Irland neuen Auftrieb geben, oder?

McDonald: Der Geist ist schon aus der Flasche. Das liegt nicht nur am Brexit, sondern ist in der Tatsache begründet, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Die Nordiren sprachen sich für den Verbleib in der EU aus und müssen nun trotzdem gehen. Dabei ist der Wahnsinn auf unserer kleinen Insel mit zwei Währungen und zwei Gesundheitssystemen unvernünftig, nicht nachhaltig.

Sehen Sie nun Ihre Chance gekommen?

McDonald: Der EU-Austritt hat das Thema Teilung beziehungsweise Wiedervereinigung in den Mittelpunkt gestellt, nicht nur in Irland, sondern auch in Großbritannien. Ich begrüße keineswegs das durch den Brexit ausgelöste Chaos. In diesem Fall heiligt der Zweck die Mittel nicht, wir müssen die Menschen hier und jetzt schützen, ihre Jobs, ihren Seelenfrieden und soziale Stabilität.

Sollte das Königreich ohne Abkommen die EU verlassen und es eine sichtbare Grenze in Irland geben – gefährdet das den Frieden?

McDonald: Der Friedensprozess ist sehr robust. Aber jeder, der mit unserem Frieden Spielchen treibt, ist töricht. Versuche, eine Infrastruktur an der Grenze aufzubauen, würden möglicherweise zu Aktionen zivilen Ungehorsams führen. Das wäre so, als ob man die Berliner Mauer wieder errichten würde.

Das Interview wurde persönlich geführt. Autorisierungen sind im englischsprachigen Raum unüblich.