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Interview Mannheimer Betriebswirtschaftler Christoph Spengel über die Umverteilungspolitik, die dafür gesorgt hat, dass Arbeitnehmer nicht auf der Strecke bleiben

„Der Sozialstaat hat die Revolution verhindert“

Archivartikel

Ist Karl Marx noch aktuell? Ökonom Christoph Spengel sieht in der ungleichen Vermögensverteilung eine Belastung für die Marktwirtschaft.

Herr Spengel, haben Sie als Student Karl Marx gelesen?

Christoph Spengel: Nein. Aber keine Angst, es geht ja in der Fachwelt um seine Kernthesen, die mir als Wissenschaftler natürlich geläufig sind.

Sind seine Thesen nach über 150 Jahren noch aktuell?

Spengel: In gewisser Weise schon. Marx hat sich mit den Konflikten zwischen den Unternehmern und den Arbeitnehmern beschäftigt. Auf den ersten Blick lag er da ziemlich daneben. Die Gewerkschaften haben auch ohne Revolution viel mehr Rechte und höhere Löhne für die Arbeiter erkämpft. In einem Punkt hat Marx aber schon recht behalten: Es gibt inzwischen sehr viel Vermögen in wenigen Händen. Und das ist für die Marktwirtschaft schädlich.

Die Kapitalisten werden also immer reicher, obwohl das Proletariat nicht völlig verarmt?

Spengel: Ich verwende nicht so gerne die Begriffe von Karl Marx. Das klingt immer gleich nach Klassenkampf. Aber ja, zu diesen Vermögen gehören natürlich auch die Beteiligungen an Unternehmen. Und da Marx in globalen Zusammenhängen gedacht hat: Diese Vermögenskonzentration ist kein Phänomen, das wir nur in Deutschland nachweisen können. In Europa ist sie zwar nicht ganz so stark ausgeprägt, in den Vereinigten Staaten oder in Südamerika dagegen enorm hoch.

Wenn die Unternehmen Vermögen anhäufen, bleiben dann die Arbeitnehmer auf der Strecke?

Spengel: Nein. Denn die Verteilung der Einkommen fällt zum Beispiel in Deutschland anders als bei den Vermögen nicht so ungerecht aus. Das liegt vor allem daran, dass der Staat am meisten umverteilt. Das ist schon seit Jahrzehnten eine große Errungenschaft unserer Politik.

Sagen Sie das mal einem Hartz-IV-Empfänger!

Spengel: Das ist mir zu polemisch. Der Staat verteilt nicht nur über die Steuern um, die Sozialtransfers fallen in Deutschland im internationalen Vergleich besonders hoch aus. So gesehen hat der deutsche Staat dazu beigetragen, dass es eben – jetzt verwende ich doch mal die Terminologie von Marx – keine Verelendung des Proletariats gegeben hat. Allerdings ist der Zugang für Beschäftigte zu höher qualifizierter Arbeit und damit auch einer besseren Entlohnung ungleicher geworden ist. Das gilt vor allem für die Frauen.

Mit Blick auf Marx, Ihr Fazit in einem Satz?

Spengel: Der Sozialstaat hat den Untergang des Kapitalismus und damit die Revolution verhindert.

Stand das System in der Finanzkrise 2007/2008 nicht auf der Kippe?

Spengel: Nein. Die Realwirtschaft war nicht betroffen. Es stimmt, die Banken haben damals keine Kredite mehr vergeben. Aber das war keine Systemkrise. Die Politik hatte es nur versäumt, den Banken auf die Finger zu schauen, die deshalb unkontrolliert in Risikoanlangen ihr Kapital anlegen konnten. Das geht heute nicht mehr so einfach.

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