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Konservative Partei Dominic Cummings leitete vor dem Referendum im Jahr 2016 die Kampagne für den Brexit / Nun ist er engster Berater von Boris Johnson

Der Strippenzieher hinter dem Premierminister

Manche würden behaupten, Dominic Cummings habe es geschafft. Vor einigen Monaten wurde er in einem TV-Drama von dem Filmstar Benedict Cumberbatch verkörpert. Es ging um die erfolgreiche Pro-Brexit-Kampagne vor dem schicksalhaften EU-Referendum. Titel: „Brexit: The Uncivil War“, was so viel heißt wie „Der barbarische Krieg“. Cummings war damals das Genie hinter den Kulissen.

Nun meinen viele, es herrsche wieder so etwas wie Krieg im Königreich. Die tief gespaltene konservative Partei zerfleischt sich über den richtigen Brexit-Kurs, und im Parlament streiten sie erbittert über einen Weg aus der Sackgasse. Im Hintergrund steht abermals Dominic Cummings. Premierminister Boris Johnson hat ihn als Chefstrategen in die Downing Street geholt. Beobachter werden nicht müde zu betonen, dass der autoritär anmutende Stil von Johnson die Handschrift seines engsten Beraters trägt.

„Monster oder Guru?“

Der ehemalige Premier David Cameron bezeichnete Cummings einmal als „Berufspsychopath“. Andere nennen ihn genial oder besessen. „Monster oder Guru?“, fragte der „Guardian“ kürzlich.

Cummings führte die „Vote Leave“-Kampagne, die Ausstiegskampagne vor dem EU-Referendum 2016 zum Erfolg – und zog sich dann zurück. Drei Jahre lang blieb der 47-Jährige, der in Oxford klassische und zeitgenössische Geschichte studiert hat, zuhause, kümmerte sich um seinen Sohn und schrieb komplexe, etwas wirre Texte für seinen Blog. Erst mit Johnsons Übernahme der Regierungsgeschäfte kehrte der öffentlichkeitsscheue Brite in den Politbetrieb zurück. Dort präsentiert er sich als Sonderling, analysiert wie schon vor dem Referendum am liebsten das Verhalten der Wähler, deren Sorgen und Wünsche.

Dabei muss er erkannt haben, dass die Briten genug von dem Gezeter und Gezerre im Parlament, den Dramen und dem endlosen Streit um den Brexit haben. Suspendierte Johnson deshalb kurzerhand das Parlament und bläst zum Angriff? So interpretieren es zumindest jene, die Cummings gut kennen.

Die berühmte Phrase, die Kontrolle zurückzugewinnen, will der EU-Skeptiker nun als Chefstratege umsetzen, sowohl mit einem kaltschnäuzigen Brexit-Kurs als auch intern im Regierungsbetrieb. Bereits mehrere Mitarbeiter wurden entlassen. Auch der Rauswurf der 21 rebellischen Abgeordneten, die diese Woche gegen die Regierung votiert hatten, dürfte auf sein Konto gehen.

Die konservative Partei sei übernommen worden „von einem klamaukigen Menschen, der eine bizarre Brechstangen-Philosophie hat“, kritisierte Ken Clarke, der dienstälteste Parlamentarier und einer der Abweichler.

Meistens erscheint Cummings in Jeans, Turnschuhen, T-Shirt und Steppjacke zur Arbeit, wenn schon Hemd, dann mit Flecken. Er kann es sich herausnehmen. Noch. Denn ob wirklich ein „brillanter Plan“ hinter Johnsons Vorgehen steckt, wird sich erst zeigen müssen. So soll Cummings kürzlich hinter vorgehaltener Hand gesagt haben, dass das Königreich nur zum Schein weiter mit der EU über einen Deal verhandle. Eine Aussage, die von der britischen Regierung umgehend dementiert wurde. Dominic Cummings und Boris Johnson scheinen ein perfektes Team zu bilden.