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Gleichberechtigung 50 Jahre nach dem Mord an Martin Luther King werden Afroamerikaner noch immer benachteiligt / Studentin besucht Stationen des Bürgerrechtlers

Der teuflische Geist des Rassismus lebt weiter

Archivartikel

Es war ein Schock für viele Menschen in der ganzen Welt: Anfang April vor 50 Jahren erschoss ein Rassist den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King. Im Jahr 2018 ist der Kampf für Gleichberechtigung zwischen schwarzen und weißen Amerikanern längst noch nicht abgeschlossen. Eine Spurensuche in den Südstaaten der USA.

Rhonda Bellamy Hodge (28, kleines Bild) hat auf ihrer Reise entlang der Wirkstätten Martin Luther Kings einen langen Weg zurückgelegt. Die schwarze Geschichtsstudentin pilgerte von Atlanta, dem Geburtsort des US-Bürgerrechtlers, über dessen Wirkstätten in Birmingham, Montgomery und Selma bis nach Memphis. „Die letzten Meter sind die schwersten“, gesteht Rhonda, während sie gebannt auf die gespenstischen Aufnahmen starrt, die auf einem verbeulten Müllwagen der Stadtwerke von Memphis flackern. Sie liest die Schlagzeilen, die Martin Luther Kings Rede zu den streikenden Müllarbeitern ankündigen.

King war Anfang April 1968 in die am Mississippi gelegene „Bluff City“ gekommen, um sich mit den Arbeitern zu solidarisieren. Er sprach prophetisch von „schwierigen Tagen vor uns“, die ihn aber nicht beunruhigten, weil er schon auf dem Gipfel des Berges gewesen sei und das gelobte Land gesehen habe. „Ich gehe dort vielleicht nicht mit Euch zusammen hin, aber wir als Volk werden das gelobte Land sehen“.

Wie immer stieg er im „Lorraine Motel“ ab, einer der wenigen Unterkünfte für Farbige in der rassengetrennten Südstaaten-Stadt. Und wie gewohnt nahm King auch wieder im Raum 306 Quartier. Das Zimmer ist die letzte Station in dem „Civil Rights Museum“ und emotionaler Höhepunkt für Rhonda, die King an dem Ort die letzte Ehre erweist, an dem James Earl Ray ihn vor 50 Jahren mit einem einzigen gezielten Schuss ermordete. „Es fühlt sich wie gestern an“, sinniert die Studentin.

Deprimierende Befunde

Reverend Spencer Stacy (52) kann das gut nachvollziehen. „Der teuflische Geist des Rassismus lebt in unseren Systemen und Strukturen weiter“, klagt der Führer der Bürgerrechts-Koalition MICAH, zu der sich 42 Kirchen, Gewerkschaften und Bürgerrechts-Gruppen zusammengeschlossen haben. Der charismatische Reverend der „New Direction“-Megakirche versteht als seine Aufgabe, „die Stafette aufzuheben, die Dr. King fallen ließ, als er auf dem Balkon des Lorraine Motels zusammensackte“. Die Bürgerrechtler können sich auf eine Studie der Universität von Memphis stützen, die untersucht hat, wie es Schwarzen und Armen seit dem Tod Kings vor 50 Jahren in Memphis ergangen ist. „Es fühlt sich so an, als ob die Arbeit, die Martin Luther King begonnen hat, damals einfach stehenblieb“, fasst die Soziologin Maria Elena Delavega (55) die Ergebnisse des „Poverty Reports“ zusammen.

Die Befunde sind deprimierend. Obwohl Afroamerikaner durch Reformen des Bildungswesens heute vergleichbare Abschlussraten erzielen, halten sich hartnäckig Einkommensunterschiede. Wie zu Zeiten Kings verdienen in Shelby County, zu dem Memphis gehört, Farbige nur halb so viel wie Weiße. „Die Afroamerikaner tun das, was wir von ihnen erwarten“, bilanziert Delavega, „sie machen aber wirtschaftlich keine Fortschritte.

Jedes zweite schwarze Kind lebt in Armut. Die Armutsrate unter Afroamerikanern liegt 2,5 Mal über der weißer Bürger. Gut bezahlte Jobs sind in der von Logistik-Unternehmen geprägten Umschlag- und Warenlager-Stadt am Mississippi Fehlanzeige. Ebenso bezahlbarer Wohnraum, Gesundheitsfürsorge, Zugang zu gesunder Ernährung und öffentlichen Nahverkehr.

Häufig im Gefängnis

Die Soziologin sieht „institutionalisierten und endemischen Rassismus am Werke“. Einen Befund, den Anwalt Josh Spickler aus seiner Arbeit für die der Reform des Strafrechts verschriebenen Organisation „Just City“ nur teilen kann. Er beschäftigt sich mit einem Phänomen, das zu Lebzeiten Kings noch nicht bekannt war, sondern, so seine Analyse, erst eine Reaktion auf das Ende der Rassentrennung war.

Seitdem Ende der 70er Jahre der „Krieg gegen die Drogen“ begann, landeten Afroamerikaner überproportional oft hinter Gittern. Die Zahl der Gefangenen stieg von knapp einer halben Millionen USA-weit auf 2,3 Millionen Menschen an. Dabei wanderten fünf Mal so viele Schwarze ins Gefängnis wie Weiße. Ein Trend, der auch auf das Zentrum des Blues zutrifft. Die Zahl der schwarzen Gefängnis-Insassen stieg um 50 Prozent, während die weiße Gefangenenpopulation leicht abnahm.

Spickler macht die Strafjustiz als Paradebeispiel für strukturellen Rassismus aus. „Erst haben wir die Leute auf Schiffe gesteckt und gegen ihren Willen hierhin gebracht, dann haben wir sie nach der Sklaven-Befreiung mit den Jim-Crow-Gesetzen unterdrückt. Und nach der Abschaffung der Rassentrennung erfanden wir das System des Wegschließens der schwarzen Männer.“ Natürlich habe es in den vergangenen Jahren auch Fortschritte gegeben, sagt die schwarze Direktorin des „Civil Rights Museums“ Terri Freeman. Aber King wäre gewiss „enttäuscht über diese Wohlstandskluft und das Strafrechtssystem mit seiner Gefangenen-Population“.

Verschiedene Löhne

Wenn am 4. April in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern die Glocken zum Gedenken an Kings Tod läuteten, sei das auch ein Signal, an die unvollendeten Aufgaben eines Bürgerrechtlers zu denken, der schon global dachte und lokal handelte. Wie bei dem Streik der Müllarbeiter in Memphis. Diese Aufgabe fällt nun seinen Erben zu, die unter Führung des Bürgerrechtlers William Barber die „New Poor People Campaign“ organisieren, der sich auch Pastor Stacy und die MICAH-Koalition angeschlossen haben.

50 Jahre nach dem Tod Martin Luther Kings versuchen sie, aus den 95 Millionen Amerikanern, die von Lohntüte zu Lohntüte oder unter der Armutsgrenze leben, eine multi-ethnische Koalition zu schmieden. Die Studentin Rhonda Bellamy Hodge sieht am Ziel ihrer langen Reise im Zimmer 306 des „Lorraine Motel“ klarer als zuvor, wie aktuell Kings unvollendete Mission bleibt. Ihr persönliches Fazit könnte als Motto über dem 50. Jahrestags seiner Ermordung stehen: „Der Marsch geht weiter“.

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