Welt und Wissen

Vorderasien Frühere Sowjetrepublik Georgien orientiert sich am Westen und an der Demokratie / Abtrünnige Regionen aber werden wirtschaftlich von Wladimir Putin unterstützt

Der verdrängte Konflikt belastet eine ganze Generation

Georgien teilt seine Zeitrechnung in die Jahre vor und nach dem Krieg im Jahr 2008. Seither versucht die Regierung in Tiflis, Abchasien und Südossetien zurückzugewinnen – bisher vergeblich.

Raissa Odischwili macht eine Handbewegung, als würde sie Wespen aus den Weinreben rund um ihre Terrasse vertreiben. „Die Liebe . . .“. Kenne ja jeder, wie das so sei, was die Liebe ertragen und verschmerzen lasse, auch wenn Raissa über Schmerzen, hier in der Sonne Georgiens, nicht sprechen will. Sie gehören zu ihrem Leben dazu, genauso wie die Liebe zu ihrem Giorgi, wie das Leiden mit und an diesem Land an der Südflanke des Großen Kaukasus, in einer Ansammlung gleich großer Häuser mit roten Dächern an den gleich breiten Straßen, die nur Nummern haben, keine Namen. In diesem Ort namens Zerowani, einer Siedlung für Binnenflüchtlinge, für Menschen wie Raissa Odischwili.

Russin ist sie, lebt seit 1972 in Georgien, damals noch Georgische Sozialistische Sowjetrepublik, eine der reichsten der Sowjetunion. Aus Woronesch, knapp 500 Kilometer südöstlich von Moskau, war sie ihrem Giorgi gefolgt, dem Georgier. Sie richteten sich in der Region Achalgori ein, das die Sowjets Leningor nannten, knapp 40 Kilometer von der georgischen Hauptstadt Tiflis entfernt. Hier bekamen sie vier Kinder, zwei Töchter, zwei Söhne, wurden Bürger Georgiens – bis wieder der Krieg zu ihnen kam. Im August vor zehn Jahren.

Tiflis hatte sich von Moskau bedroht gefühlt, zu sehr hatte Russland Südossetien wie auch Abchasien finanziell unterstützt, auch militärisch. Auf dem Silbertablett habe der damalige georgische Präsident Michail Saakaschwili, der hitzköpfige „Mischa“, wie ihn bis heute alle in Georgien nennen, den Russen die Provinzen präsentiert, die seit Georgiens Unabhängigkeit mehr sein wollten, als Tiflis ihnen zu gewähren bereit war. Mit seinen „Zündeleien“, sagen Beobachter, habe er das Land in zwei Epochen geteilt: in ein „Georgien vor 2008“ und ein ,,Georgien nach 2008“. Seit diesem ungleichen Kräftemessen zwischen Saakaschwili mit seinem Widersacher Wladimir Putin lebt Raissa Odischwili mit Mann, Sohn, Schwiegertochter und zwei Enkeln in einer schnell hochgezogenen Bleibe in Zerowani.

Leben im Provisorium

8000 Menschen in 2200 Häusern, knapp 60 Quadratmeter groß ein jedes. Gleich nach dem Krieg war die Siedlung entstanden, kaum jemand von damals hat sie bis heute verlassen, die Häuser haben Anbauten bekommen, Weinreben ranken sich um die selbstgebauten Terrassensäulen, Schule, Kindergarten, Bank, Läden, Verwaltung machen aus dem einstigen Provisorium ein Dorf. „Wir haben uns hier eingelebt“, sagt Raissa Odischwili, die Rentnerin.

Der Konflikt von damals bestimmt auch heute das Leben in Zerowani, die Menschen vergessen ihn nicht, sie verdrängen ihn. „Unsere Enkel sollen lieber nichts darüber erfahren.“ Über schlimme Erfahrungen sprechen, gar psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, das sei „nicht so das Ding der Georgier“, sagt Ekaterine Saridse. Sie war knapp 15, als sie nach Zerowani kam. Die südossetischen Sommer vermisse sie sehr. Auch ihre ossetische Großmutter, auf der anderen Seite der – Staatsgrenze nennen es die Russen, Okkupationslinie sagen Georgier, Verwaltungsgrenzlinie nennt es die EU.

Manchmal finden sich Grenzzäune entlang der Linie, manchmal teilt Stacheldraht die Dörfer, manchmal sagen die Menschen, „dort hinten beim rot-weißen Turm ist das okkupierte Territorium“. Seit sechs Jahren hat Ekaterine Saridse keinen Extra-Passierschein mehr beantragt, möglich wäre es. Aber wofür? „Zerowani ist nun so etwas wie ein Zuhause“, sagt die Arabistin, die für die Organisation „Für eine bessere Zukunft“ arbeitet.

Gestörte Verständigung

In Südossetien und noch mehr in Abchasien sind de facto staatliche Gebilde entstanden. Während Südossetien zu den ärmsten Regionen im Kaukasus gehört, hat Abchasien durchaus eine differenzierte Öffentlichkeit. Wirtschaftlich aber hat Russland beiden abtrünnigen Provinzen mehr zu bieten als Georgien, das demokratischer ist als sein großer Nachbar. Diese Freiheiten aber, sagen Experten im Land, könnten weder Abchasen noch Südosseten sehen, weil die Kommunikationskanäle zwischen Georgien und ihnen gestört seien.

Für Moskau bietet dieser Konflikt eine Möglichkeit, Georgiens Weg in die Nato zu verhindern. Dabei ist es fast schon georgisches Staatscredo, sich voll zum Westen zu bekennen, weil nur dieser aus georgischer Sicht Freiheit, Wachstum, Stabilität biete.

„Niemand hat mit dem Krieg sein Ziel erreicht“, sagt der Politologe Paata Sakareischwili in Tiflis. Russland habe Georgien nicht in seinen Orbit zurückgeholt, Abchasien und Südossetien seien keine von der ganzen Welt anerkannten Länder, Georgien habe 20 Prozent seines Territoriums verloren. „Georgien versteckt im Schatten eines aggressiven Russlands seine eigenen Sünden“, sagt Sakareischwili.

Georgien hat einen Abgrund zwischen sich und den beiden abtrünnigen Provinzen geschaffen. Dabei, so sagt der 71-jährige Tedo Dschaparidse, der außenpolitische Berater des georgischen Ministerpräsidenten, könne Georgien als Beispiel für Länder dienen, die auf dem schwierigen Weg zur Demokratie seien: „Wir haben immer viel über Territorien gesprochen und wenig über die Menschen, die Abchasen, die Osseten. Wir müssen Fehler anerkennen, die wir Georgier begangen haben“. Eine Mittelklasse müsse sich entwickeln, ebenso wie eine lebhafte Zivilgesellschaft.

Das wünschen sich viele in dem Land, in dem 40 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben. Vielleicht, hoffen einige, gebe man dann mehr Freiheiten an die Abchasen und die Osseten – „und sie kommen zu uns zurück“. „Ein ganz ferner – und ganz schöner Traum“, sagt Raissa Odischwili zwischen den roten Dächern von Zerowani.

Zum Thema