Welt und Wissen

Studie Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kritisiert das Fehlen von Mindestrenten und empfiehlt die Verlängerung der Lebensarbeitszeit

Deutschland lässt Frauen bei Altersversorgung im Stich

Frauen haben in Deutschland bei der Rente deutlich mehr Einbußen als Männer. Das geht aus einer Studie hervor, die auch vor einer mangelnden Absicherung von Geringverdienern im Alter warnt.

Bei der Beschäftigung Älterer hat Deutschland einer Studie zufolge im internationalen Vergleich in den vergangenen Jahren am meisten zugelegt. An anderer Stelle ist Deutschland im Vergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) dagegen Schlusslicht: Frauen hinken Männern bei den Alterseinkünften hierzulande am stärksten hinterher. Auch für Niedrigverdiener im Alter habe Deutschland vergleichsweise wenig getan, teilte die OECD mit der Veröffentlichung der neuen Studie gestern in Berlin mit.

So ist Deutschland bei der Rentenlücke zwischen Männern und Frauen sogar Spitzenreiter. Die Bundesrepublik liegt hier vor den Niederlanden, Luxemburg, Großbritannien und Österreich. Die OECD-Experten merken kritisch an, dass Frauen in Deutschland auch künftig wohl niedrigere Renten als Männer erwirtschaften. Hauptgründe: eine über OECD-Schnitt liegende Lohnlücke zwischen Frauen und Männern – sowie der große Teilzeitanteil bei Frauen.

Auch das Fehlen von Mindestrenten sieht die OECD kritisch. Denn vor allem bei Niedrigverdienern dürften die Alterseinkünfte in Deutschland das vorherige Lohnniveau in geringerem Maß ersetzen als im OECD-Schnitt. Eine bessere Absicherung von Geringverdienern sollte demnach in der deutschen Reformdebatte zur Rente ebenfalls berücksichtigt werden.

Länger im Job

Bei den 55- bis 64-Jährigen hat Deutschland seit dem Jahr 2000 die Beschäftigungsrate um mehr als 30 Prozentpunkte gesteigert. Für die OECD-Experten ist dies eine ausgesprochen positive Entwicklung: Längeres Arbeiten entlaste die Rentenfinanzen, und die künftigen Alterseinkünfte gerieten im demografischen Wandel weniger stark unter Druck.

Bei den 55- bis 59-Jährigen sind in Deutschland etwa 80 Prozent in Beschäftigung, bei den 60- bis 64-Jährigen noch rund 56 Prozent. Während sich diese Werte über OECD-Durchschnitt bewegen, liegt Deutschland bei den 65- bis 69-Jährigen etwa zwei Prozentpunkte unter dem OECD-Schnitt von gut 20 Prozent.

Spitze bei der Beschäftigung Älterer sind vor der Bundesrepublik Deutschland noch Island, Schweden, die Schweiz, Tschechien, Dänemark, Neuseeland, Japan und Norwegen.

Mehr Schatten als Licht sehen die OECD-Experten bei den jüngsten Reformen zum Übertritt in die Rente. So heben sie bezüglich des seit diesem Jahr geltenden Flexirenten-Gesetzes das Risiko hervor, dass dadurch mehr Menschen früher in Rente gehen. Gedacht hatten Union und SPD das Gesetz, um die Rentenübergänge flexibler zu machen: Wer bereits mit 63 in Teilrente geht, kann mehr als bisher dazuverdienen. Aber auch das Arbeiten über das normale Rentenalter hinaus sollte attraktiver werden – anders als zuvor steigern Rentenbeiträge dann auch die Rente. Die zu Anfang der vergangenen Wahlperiode eingeführte abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren bietet – so betont die OECD – wenig Anreize, die Berufslaufbahn nach 45 Jahren fortzusetzen.

Flexibler Renteneintritt

Falls sich Union und SPD zu einer Neuauflage ihrer Koalition durchringen, dürfte das Thema Rente Konfliktpotenzial bieten. Konsens könnte eine künftige Regierung nach Beobachtermeinung allerdings dabei erzielen, älteren Menschen größere Anreize für längeres Arbeiten zu geben – im Fall großer Belastungen im Job aber auch ein früheres Ausscheiden zu erleichtern.

Eine automatische Anpassung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung gibt es in Dänemark, Finnland, Italien, den Niederlanden, Portugal und der Slowakei. Auch in Deutschland wurde so eine Kopplung bereits diskutiert, so zählte der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu den Fürsprechern. SPD, Grüne und Linke halten davon aber nichts.

Zum Thema