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Kolonialismus Mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags nach dem Ersten Weltkrieg verzichtete die damalige Regierung in Berlin am 28. Juni 1919 auf die Gebiete in Übersee

Deutschlands bittere Vergangenheit in Übersee

Archivartikel

Vor 100 Jahren endete die deutsche Kolonialherrschaft in Asien, Afrika und der Südsee. Sie dauerte gut drei Jahrzehnte, hinterließ aber Wunden, die bis heute noch nicht verheilt sind. Eine Spurensuche in China, Namibia – und Berlin.

Die Grabsteine der kaiserlichen Soldaten stehen poliert in Reih und Glied: „Reiter Emil Büttner“, „Gefreiter Rudolf Kux“, „Unteroffizier Flori Martini“ und viele andere Deutsche sind in der Stadt Okahandja nördlich von Namibias Hauptstadt Windhoek begraben. Sie kamen 1904 im Kampf gegen den Aufstand des Hererovolks ums Leben. Rund 100 Gräber reihen sich an die von Missionaren gegründete lutherische Kirche. Im Hinterhof der Kirche liegen zusammengedrängt die Gräber der Herero-Führer. Deren Friedhof ist mit Stacheldraht abgegrenzt und kaum 50 Quadratmeter groß.

Die Kirche von Okahandja ist bis heute Spiegelbild der Herrschaftsverhältnisse, wie sie zur deutschen Kolonialzeit zwischen 1884 und 1915 im damaligen Deutsch-Südwestafrika waren. Die Herero, deren Vorfahren zu Zehntausenden von deutschen Truppen niedergemetzelt wurden, kommen trotzdem gern hierher. „Für uns ist es wie ein heiliger Ort“, erklärt der 82-jährige Festus Ueripaka Muundjua. Die Gräber stünden auch stellvertretend für Herero, die getötet wurden oder auf der Flucht starben, aber kein Grab bekommen haben.

Skrupellose Herrschaft

Kein anderes Land wurde von Deutschland so nachhaltig kolonisiert wie Namibia, und in keinem anderen der ehemals deutschen Gebiete zwischen Ostasien und Südwestafrika ist die deutsche Kolonialvergangenheit noch heute so lebendig wie hier. Am 28. Juni jährt sich das offizielle Ende der deutschen Kolonialzeit zum 100. Mal. Besiegelt wurde es nach der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Jahr 1919. Dort heißt es in Artikel 119: „Deutschland verzichtet zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte auf alle seine Rechte und Ansprüche bezüglich seiner überseeischen Besitzungen.“

Die Denkmäler zu Ehren deutscher Soldaten sind in Namibia trotzdem bis heute stehengeblieben. Im Zentrum der Hauptstadt Windhoek etwa wird der „gefallenen Kameraden der kaiserlichen Schutztruppe“ gedacht. 200 Meter weiter in einem Park steht ein Denkmal, das den „Helden“ gewidmet ist, die 1893 und 1894 im Kampf gegen das Witbooi-Volk ums Leben kamen.

Das Kaiserreich ging skrupellos vor, um seine Herrschaft zu festigen. Experten schätzen, dass von 1904 bis 1908 rund 65 000 von 80 000 Herero und mindestens 10 000 von 20 000 Nama getötet wurden. Historiker sehen darin den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. In Deutschland gerieten die Gräueltaten nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. Doch für die Herero und Nama gibt es kein Vergessen.

Zeugnisse der Vergangenheit

„Es war ein Völkermord“, klagt die 72-jährige Nama Ida Hoffmann. „Es ist die Verantwortung der Deutschen, uns zu helfen“, fordert sie. In Windhoek liest man auf Straßenschildern immer noch „Bismarckstraße“ oder „Schanzenweg“ – nur langsam beginnt ein Umdenken.

Die Kolonialzeit und die Deutschen, die in den darauffolgenden Jahrzehnten nach Namibia emigrierten, haben das Land geprägt. In der Hafenstadt Swakopmund sieht man deutsche Kolonialbauten. Namibias Bier „Windhuk“ wird nach deutschem Reinheitsgebot gebraut, in den Geschäften sind vor Ort hergestellte Landjäger und Schwarzwälder Schinken erhältlich. Es gibt deutsche Radiosendungen und die deutschsprachige „Allgemeine Zeitung“.

Die Deutsch-Namibier haben viel dazu beigetragen, dass Namibia heute zu den wohlhabendsten Ländern Afrikas gehört. Schätzungen zufolge ist Deutsch indes nur noch für rund 14 000 Namibier die Muttersprache – es handelt sich allerdings um eine einflussreiche Minderheit. Deutsch-Namibiern gehören zahlreiche Großfarmen und Unternehmen. Viele von ihnen haben die Deutsche Schule in Windhoek besucht, die als beste Privatschule gilt. Der deutschstämmige Sven Thieme ist Vorsitzender der Handelskammer und leitet das größte Privatunternehmen. Selbst das Finanzministerium ist in der Hand eines Deutsch-Namibiers: Dort hat Minister Calle Schlettwein das Sagen.

Dass sich in Namibia bis heute ein starker deutscher Einfluss gehalten hat, hat auch mit Namibias Geschichte im 20. Jahrhundert zu tun. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs übernahmen Südafrikas Truppen, die mit Großbritannien verbündet waren, dort die Macht. Sie betrachteten Namibia fortan als Teil Südafrikas und führten die Apartheidpolitik ein, die Trennung der Bevölkerungsgruppen. Der rassistische Spuk war erst mit der Unabhängigkeit Namibias 1990 vorbei. Erst danach begannen die Nachkommen der Opfer deutscher Gräueltaten, Anerkennung für das Leiden ihrer Angehörigen einzufordern.

Für wenige Jahrzehnte war das deutsche Kolonialreich das viertgrößte der Welt. Die größten Gebiete lagen verstreut in Afrika. Aber auch „Kaiser-Wilhelms-Land“ auf der Insel Neuguinea in Südostasien gehörte dazu, Südseeinseln wie Samoa und der Bismarck-Archipel und ein kleines Gebiet an der Ostküste Chinas rund um die Stadt Qingdao.

Besitzungen in der Südsee

Auch dort gingen die Kolonialherren zwar nicht gerade zimperlich vor, aber mit dem brutalen Vorgehen gegen Einheimische wie in Afrika war das nicht vergleichbar. „Schlimme Gewalttaten an der Bevölkerung gab es nicht“, sagt der lokale Historiker Li Ming, während er in einem deutschen Restaurant der Stadt Qingdao bei Bratwurst und Kartoffelsalat von seinen Forschungen erzählt. Der 57-Jährige, der an mehr als zehn Büchern über die deutsche Besatzungszeit mitgeschrieben hat, ist sich sicher, dass Menschen in Qingdao nicht mehr negativ über die Vergangenheit denken. Die Hafenmetropole, die heute mehr als sieben Millionen Einwohner zählt, sieht aus wie die meisten chinesischen Großstädte. Hochhaus reiht sich an Hochhaus. Doch in der am Wasser gelegenen Altstadt, wo die Deutschen vor über 100 Jahren landeten, blieben viele Gebäude erhalten. Chinesische Touristen fahren nach Qingdao, Brautpaare lassen sich vor historischer Kulisse fotografieren.

Zu sehen gibt es Kirchen, Straßenzüge mit alten Villen, das erste Kino, das es in China gab, und die Residenz des Gouverneurs. Die in der Kolonialzeit gegründete Brauerei der Stadt ist zu einem der größten Bierkonzerne Chinas gewachsen. Noch heute werden Besucher bei Besichtigungen an die deutschen Anfänge erinnert, in denen das Bier „analog dem bayrischen Braugesetz“ hergestellt wurde, wie es auf einem alten Werbeschild heißt. Ähnlich wie das Oktoberfest in München feiert Qingdao jedes Jahr im August ein dreiwöchiges Bierfest, das Millionen Besucher anlockt.

Weil die Deutschen in Qingdao auch die bis dahin größte Kanalisation Chinas bauten, werden Kanaldeckel in der Stadt noch heute „Gulli“ genannt. „Die deutsche Geschichte ist ein Geschäft für uns“, sagt ein Hotelbesitzer. Dass die Deutschen in Qingdao besser in Erinnerung geblieben sind als in anderen Teilen der Welt, dürfte daran liegen, dass bei der Ankunft der neuen Kolonialherren kaum Blut geflossen ist. Mit Ruhm haben sich die Besatzer aber auch nicht bekleckert. „Es war vielmehr eine Erpressung“, sagt Historiker Li.

Mahnmal für die Opfer

Das Deutsche Reich hatte schon länger auf einen Handels- und Marinestützpunkt in der Region gehofft, als 1897 der Vorwand zum Übergriff gefunden war. Weil in der Provinz Shandong, zu der Qingdao gehört, zwei deutsche Missionare ermordet wurden, besetzte die deutsche Marine die Bucht vor Qingdao.

Dann wurde die militärisch unterlegene Regierung der Qing-Dynastie gezwungen, das Gebiet für 99 Jahre an das Deutsche Reich zu verpachten. Um die Stadt herum entstand eine 50 Kilometer breite Zone, in der China nur mit Einwilligung der deutschen Seite Rechte ausüben konnte. Viel Zeit, um seine Pläne in Qingdao zu verwirklichen, hatte Deutschland am Ende nicht. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Qingdao im November 1914 nach dreimonatiger Belagerung von Japan besetzt.

Inzwischen gibt es bundesweit etwa 20 Gruppen, die sich für die Aufarbeitung der Kolonialzeit einsetzen und beispielsweise für die Umbenennung von Straßen kämpfen, die die Namen von Kolonialherren tragen. Die Initiativen wollen den zahlreichen Denkmälern für Kolonialisten, die es noch gibt, eines für die Opfer entgegensetzen – am besten mitten in Berlin, an der Wilhelmstraße. Dort fand im Jahr 1884/85 die Konferenz der europäischen Großmächte statt, bei der Afrika aufgeteilt wurde.

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