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Reaktionen Ministerium will Kritik von Betroffenen in Beratungen einbinden / Vertreter der Krankenkassen schwanken zwischen Zurückhaltung und Zuversicht

Die Chance zum selbstständigen Atmen ergreifen

Intensivpflegepatienten, die rund um die Uhr beatmet werden müssen, sollen künftig in Heimen unterkommen. Nur in Ausnahmefällen, etwa bei Minderjährigen, könnte zu Hause gepflegt werden. So ist zumindest die Idee von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Das Reha- und Intensivpflegestärkungsgesetz sieht unter anderem vor, dass Krankenkassen weniger die Pflege zu Hause und stattdessen mehr das Unterkommen in Einrichtungen unterstützen. Doch viele Patienten und deren Angehörige wollen das nicht. Sie fürchten eine Verschlechterung der Lebensqualität.

„Wir nehmen die Kritik an dem Entwurf ernst und in die Beratungen mit auf“, schreibt ein Sprecher des Ministeriums dazu auf Anfrage. Ziel des Entwurfs sei es, die Qualität in der ambulanten intensivmedizinischen Versorgung zu verbessern, die rund um die Uhr von Pflegefachkräften betreut werden müssen. Dabei geht es vor allem um Beatmungs- und Wachkoma-Patienten. „Wir reagieren damit auf Forderungen von Betroffenen und Angehörigen sowie auf kriminelle Machenschaften in der ambulanten Intensivpflege.“ Der Sprecher meint zum Beispiel sogenannte Beatmungs-WGs. „Das sind Räume, in die man diese Menschen zu fünft oder mehreren abschiebt, dort beatmet und dahinvegetieren lässt. Dem will man damit einen Riegel vorschieben.“

Langfristig würden Beatmungspatienten, die von Pflegekräften ganztägig betreut werden müssen, am besten in spezialisierten Heimen versorgt werden. Häufig könnten sich Betroffene das nicht leisten, weil momentan nur die Intensivpflege zu Hause von den Kassen übernommen werde, sie für eine stationäre Unterbringung aber 2000 bis 3000 Euro zuzahlen müssten. Der Sozialverband VDK, die Wachkoma-Gesellschaft und der Verband der Intensivmediziner unterstützen dieses Anliegen dem Ministerium zufolge.

Der Entwurf verfolge zudem das Ziel, Patienten von der Beatmung zu entwöhnen, bei denen die Chance bestehe, wieder selbstständig atmen zu können. Dafür gebe es aus Sicht der Leistungserbringer – also Kliniken und ambulanten Pflegediensten – noch keinen Anreiz. „Das wollen wir im Sinne der Betroffenen ändern“, so der Sprecher.

Gemischte Reaktionen

Krankenkassen-Vertreter reagieren zurückhaltend: „In den kommenden Wochen werden wir uns den Entwurf genau anschauen und prüfen, ob es an der einen oder anderen Stelle noch Hinweise von uns zu inhaltlichen Änderungen gibt“, heißt es vom GKV-Spitzenverband auf Anfrage.

Der stellvertretende GKV-Vorstandsvositzende, Gernot Kiefer, blickt dem Gesetz positiv entgegen: „Kaum jemand ist so sehr auf die Hilfe Dritter angewiesen wie Beatmungspatienten. Beatmungspatienten schneller und öfter wieder zum selbstständigen Atmen zu bringen, muss zentrales Anliegen von allen Beteiligten in der Versorgungskette sein. Hier Fehlanreize zu beseitigen, ist dringend notwendig“, sagte er laut einer Sprecherin. 

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