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Sicherheit Feuerwehr und Rettungsdienste beklagen bei Einsätzen zunehmende Behinderungen und Angriffe durch Schaulustige und Passanten

„Die Dunkelziffer ist aber sicher höher“

„Dass die Leute, die zu unserem Schutz da sind, bedroht, bespuckt oder geschlagen werden, geht gar nicht!“, schimpft der Mannheimer SPD-Landtagsabgeordnete Boris Weirauch. Als „besorgniserregend!“ kommentiert er das, was ihm Innenminister Thomas Stobel (CDU) auf seine Anfrage geschickt hat.

Demnach ist in Mannheim die Zahl der Gewalttaten gegen Polizeibeamte stark gestiegen – von 320 in 2013 auf zuletzt 441. Er wollte auch wissen, wie die Fälle strafrechtlich verfolgt werden – erfuhr es aber nicht. Laut Innenministerium würden die Staatsanwälte Taten gegen Helfer nicht eigens kennzeichnen. Weirauch findet das „ernüchternd“. Er fordert, das „Offenburger Modell“ auch in Mannheim zu erproben. Dabei werden grundsätzlich keine Straftaten gegen Einsatzkräfte wegen „Geringfügigkeit“ eingestellt, sondern alle verfolgt. Das Ministerium lehnt das aber ab.

Weirauch erkundigte sich ebenso nach Vorfällen bei Feuerwehr und Rettungsdienst. Bei Rettern gab es 2015 vier, 2016 dann neun und 2017 zehn Fälle. „Die Dunkelziffer ist aber sicher höher“, sagt Chris Rihm, ehrenamtlicher Einsatzleiter Rettungsdienst vom Arbeiter-Samariter-Bund. Er weiß von einem Kollegen, dessen Mittelfingerknochen bei der Straßenfasnacht gebrochen wurde. „Dass man angespuckt wird, erlebt man immer wieder, aber es wird halt nicht alles zur Anzeige gebracht, weil den Kollegen der Aufwand zu groß ist und jeder eine andere Toleranzschwelle hat“, so Rihm. Gewalt gehe von Betrunkenen wie von Personen aus, die wegen Zwangseinweisung in die Psychiatrie geholt werden.

Schulen gefordert

Er habe auch schon oft erlebt, dass er angerempelt werde, wenn er als Einsatzleiter Gaffer zurückweise: „Letztlich ist das Gewalt, aber ich hake es halt ab“, seufzt er. „Verbale Ausfälle gibt es viele, die Respektlosigkeit nimmt enorm zu, auch die Gewalt“, beklagt ebenso Stefan Mahl, stellvertretender Rettungsdienstleiter der Johanniter in Baden. Bei der Feuerwehr waren dem Ministerium seit 2015 zwar keine Vorfälle bekannt. Der Stadtfeuerwehrverband verabschiedete in seiner Versammlung dennoch eine Resolution. „Respekt und Unterstützung der Einsatzkräfte haben immer mehr nachgelassen, Einsatzkräfte werden häufiger behindert oder verbal angegriffen“, so Vorsitzender Karl F. Mayer. Das Engagement von Haupt- und Ehrenamtlichen bei oft lebensgefährlichen Einsätzen könne „nur dauerhaft und nachhaltig sichergestellt werden, wenn der gesamtgesellschaftliche Respekt vor den Einsatzkräften gegeben ist.“ Kindergärten und Schulen müssten dazu „mehr Werte vermitteln.“

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