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Medizin Ultraschalluntersuchungen vor der Geburt liefern mitunter nur unvollständige Bilder / Christiane Otto von der Mannheimer Frauenklinik achtet auf mögliche Entwicklungsstörungen

„Die schwangeren Frauen waren panisch“

Die erste Sprechstunde „nach Gelsenkirchen“ war für Christiane Otto, Oberärztin an der Frauenklinik des Mannheimer Universitätsklinikums, ungewöhnlich. Davor waren Berichte über drei innerhalb von zwölf Wochen im Sankt Marien-Hospital Gelsenkirchen-Buer geborene Kinder mit fehlgebildeten Händen erschienen. „Die schwangeren Frauen waren panisch, sie wollten, dass ich im Ultraschall nachsehe, ob das auch bei ihren Kindern der Fall ist“, erzählt Otto.

Nach Fehlbildungen an Händen oder Füßen zu suchen, ist in den drei Ultraschalluntersuchungen, die während einer Schwangerschaft routinemäßig gemacht werden, jedoch nicht vorgesehen. Anders als andere Erkrankungen und Gendefekte sind Fehlbildungen an den Gliedmaßen nicht tödlich oder gefährlich für Kind und Mutter.

Wissenschaftlich ungeklärt

Gesucht wird vielmehr nach schwerwiegenden Entwicklungsstörungen, etwa Herzfehler oder Fehlbildungen an anderen Organen. Bei Auffälligkeiten können werdende Mütter bei Otto in der Pränataldiagnostik vorsprechen, die dann die Schwangeren erneut per Ultraschall untersucht. In seltenen Fällen bestätigt sich der Verdacht, meist können die Frauen beruhigt nach Hause gehen.

Füße und Hände stehen jedoch auch bei dieser Untersuchung nicht im Vordergrund – und selbst wenn die Pränataldiagnostikerin gezielt danach suchen würde, könnte sie diese nicht immer erkennen. „Vielleicht fehlt nur ein Finger, was schwer zu sehen ist, vielleicht zeigt sich das Kind im Moment des Ultraschalls nur von einer Seite oder es liegt auf seiner Hand.“

Wie es zu den Fehlbildungen an Händen und Füßen kommt, dass manchmal ein Finger fehlt oder doppelt vorhanden ist, manchmal Zehen zusammengewachsen sind oder ein ganzer Unter- oder Oberarm fehlt, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Lediglich das seinerzeit als Beruhigungsmittel verschriebene Contergan brachte vor 60 Jahren traurige Gewissheit, dass der enthaltene Wirkstoff Thalidomid zu extremen Fehlentwicklungen von Gliedmaßen und Organen führt.

Register wünschenswert

Darüber hinaus gibt es nur Vermutungen: Alter der Mutter, Übergewicht, Diabetes, Medikamente gegen Epilepsie, Röntgenstrahlen, Pestizide, Viruserkrankungen im frühen Schwangerschaftsstadium. Bewiesen ist das nicht, der größte Teil der Fehlbildungen dürfte wohl spontan passieren, eine „Laune der Natur“.

Darüber hinaus handelt es sich um ein seltenes Phänomen, wie Jörg Dötsch, Arzt an der Kölner Universitätsklinik und Vizepräsident der Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin, betont. Er verweist auf eine kanadische Studie, die 1,4 Millionen Neugeborene auf fehlerhaft entwickelte Gliedmaßen untersucht hat. Ergebnis: Auf 10 000 Kinder kommen fünf mit einer Handfehlbildung. „Bei uns in Köln haben wir im Jahr 11 000 bis 12 000 Geburten – ich kann mich aber an kein Neugeborenes mit entsprechender Fehlbildung erinnern, das in den letzten Jahren bei uns aufgenommen wurde.“

Statistisch wären in Köln aber fünf bis sechs Kinder pro Jahr zu erwarten gewesen. Die tauchen dann womöglich anderswo auf – wie jetzt gehäuft in Gelsenkirchen-Buer. Damit stimmt die Statistik wieder, die drei Fälle sind also kein Ausreißer, sondern erfüllen lediglich die Statistik, wie Dötsch betont. Darüber hinaus konnten die kanadischen Wissenschaftler bei 1,4 Millionen Kindern nur in fünf Fällen klar einen Zusammenhang mit schädigenden Substanzen ausmachen, die die Behinderungen ausgelöst haben.

Gleichwohl hält er es für richtig, die Entwicklung in Gelsenkirchen und anderen Kliniken zu beobachten. Auch ein Register, an das alle Fehlbildungen verpflichtend gemeldet werden, befürwortet Dötsch. „Allerdings muss dann auch das Geld dafür bereitgestellt werden, diese Aufgabe können die Ärzte nicht noch nebenher erledigen, sonst bleibt immer weniger Zeit für die Patienten.“

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