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Lebensmittel Trotz gestiegener Produktivität ist Hunger noch weltweit verbreitet – dabei liegen vernünftige Vorschläge längst auf dem Tisch

Die sechs Schwachstellen in der Ernährungskette

Archivartikel

Gerade der hohe Wohlstand in Europa könnte dafür verantwortlich sein, dass die Vision vom Essen für alle eine Wunschvorstellung bleibt. Ändern müsste sich vieles, vor allem auch das Verhalten der Verbraucher.

Der Kaffee zum Mitnehmen im Pappbecher, die Lieferung der fertigen Pizza bis an die Haustür oder der Wocheneinkauf im nächsten Supermarkt. Kein menschliches Grundbedürfnis lässt sich in Deutschland derzeit so leicht befriedigen wie eine gute Ernährung. Essen und Trinken ist dazu noch recht preisgünstig. Von 100 Euro Haushaltseinkommen gaben die Deutschen im vergangenen Jahr nach Berechnungen des Portals Statista.com 13,90 Euro für Lebensmittel, Getränke und Tabakwaren aus.

Ein Blick zurück zeigt, dass es ganz andere Zeiten gab. Im Jahr 1900 waren es rückgerechnet 57 Euro, 1950 noch 44 Euro. Die Produktivitätsfortschritte in Landwirtschaft und Industrie sowie steigende Löhne ließen ab den 1970er Jahren den Anteil der Ausgaben für Ernährung sinken. Um 1900 herum ernährte ein Bauer mit dem Ertrag eines Hektars Land vier Personen. Heute sind es 155 Personen. Milchkühe in Deutschland erzeugten 1990 durchschnittlich 4700 Liter im Jahr. 2007 waren es 7000 Liter. Das ist auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte.

Den zweiten Blick, den hinter die Kulisse, werfen die Verbraucher noch zu selten. Nur wenn etwas schiefläuft in der Landwirtschaft oder in der Nahrungsmittelindustrie, schauen die Konsumenten genauer hin. Aktuell ist es die Dürre, die zum großen Sommerthema wird und Landwirte in Existenznot stürzt. Sonst sorgten eher Ekelvideos aus Geflügel- oder Schweineställen, gepanschte Lebensmittel oder große Preissprünge bei Obst und Käse für Aufmerksamkeit. Nach dem Skandal flachte letztere schnell wieder ab.

Essen ist eine Selbstverständlichkeit und anscheinend unbegrenzt verfügbar. Nach Angaben der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie können Verbraucher in Deutschland zwischen 170 000 Produkten wählen. Der Preis dafür ist allerdings hoch. Es geht vor allem um sechs Aspekte.

Verschwendung

Der erste Aspekt ist ganz nah am Verbraucher dran. Der bequeme Zugang und das günstige Preisniveau sind Anreize zur Verschwendung von Lebensmitteln. Mit Kampagnen steuert die Bundesregierung zwar dagegen. Auch der Handel hat inzwischen Strategien gegen zu viele Abfälle entwickelt, etwa Preissenkungen kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Die Umweltorganisation WWF schätzt, dass in Deutschland dennoch 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Abfall landen. Zur Lösung können die Konsumenten aber nur einen Teil beitragen, denn der Löwenanteil der Abfälle entsteht entweder schon auf dem Feld oder bei der Verarbeitung. „Wir wissen, dass ein Drittel dieser weltweit produzierten Lebensmittel vernichtet wird und verschwendet“, stellte die Präsidenten der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, dazu fest. Bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts hat sich die Politik eine Halbierung der Abfälle vorgenommen.

Massentierhaltung

Auch der zweite Aspekt ist nah am Menschen. Die Verbraucher stecken in einem Dilemma. Sie wünschen sich einerseits preiswertes Fleisch, möglichst von den besten Stücken der Tiere. Andererseits wissen sie, dass dies nur auf Kosten des Tierwohls günstig produziert werden kann. Die meisten Konsumenten haben von den Umweltproblemen durch Massentierhaltung gehört. Knapp 60 Kilogramm Fleisch verzehrte der amtlichen Statistik zufolge jeder Bundesbürger 2017. Der Trend ist zwar rückläufig, aber Wurst und Braten sind bei einer Mehrheit der Konsumenten fester Bestandteil der Ernährung. Die Bereitschaft, dafür mehr auszugeben, wenn sich dadurch die Tierhaltung verbessert, ist weit verbreitet, heißt es. An der Ladentheke ist jedoch vielen Verbrauchern dann doch das billigere Steak lieber.

Gesundheit

Ein dritter Aspekt ist der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Ernährung. Der Überfluss, fehlende Bildung und Bequemlichkeit haben eine schwerwiegende Folge: Übergewicht. Zu süße, salzige oder fettige Speisen sowie Bewegungsmangel sind die häufigste Ursache dafür. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist jedes elfte Kind zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig, jedes 19. fettleibig. Das Risiko für spätere schwere Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Bluthochdruck entsteht so schon in jungen Jahren. Das ist nicht nur individuell für die Betroffenen ein schweres Problem, sondern auch für die Gesellschaft aufgrund der hohen Folgekosten für die Behandlung der Krankheiten.

Umwelt

So sichtbar ist der vierte Aspekt nicht. Die hohe Produktivität der Landwirtschaft hat viele künstliche Helfer: Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat, Düngemittel oder auch die Gentechnik, wenngleich sie in Europa noch weitgehend verbannt ist. Der Einsatz der chemischen Helfer sichert hohe Erträge, verursacht jedoch gesellschaftliche Risiken und Kosten. Teuer wird es zum Beispiel, weil in die Böden zu viel Nitrat eingebracht wird. Es landet irgendwann im Wasser und muss aufwendig herausgefiltert werden. Die Kosten dafür tragen am Ende die Kunden der Wasserwerke, nicht die Verursacher. Auch leidet die Artenvielfalt unter der industriellen Landwirtschaft.

Verteilung

Die Verteilung der Nahrungsmittel ist – der fünfte Aspekt – höchst ungleich. Die produzierte Nahrung reicht für alle Menschen aus, erreicht aber längst nicht alle. Vor allem in Afrika ist Hunger weit verbreitet. Es ist ein Irrtum, dass Europa das nicht betrifft. Denn der Klimawandel wird die Landwirtschaft auf dem schwarzen Kontinent weiter erschweren und Hunger oder Wassermangel könnten Millionen Menschen in die Flucht treiben. Was sich derzeit am Mittelmeer abspielt, dürfte nur ein Vorbote dieser Bewegungen sein.

Klimawandel

Ungerecht ist unser Verhalten auch den nachwachsenden Generationen gegenüber, wenn der Westen so weitermacht wie bisher. Schließlich ist der Klimawandel selbst auch eine Folge der ungebremsten Landwirtschaft, vor allem der Tierzucht. Dieser letzte Aspekt wird durch den aktuellen Jahrhundertsommer deutlich.

Das Ernährungsparadies ist also ziemlich trügerisch. Das Gute ist, dass es für fast alle dieser Probleme Lösungen gibt. So kann eine Koppelung der üppigen Subventionen an eine nachhaltige Landwirtschaft Anreize zum Umsteuern bei den Bauern setzen, weg von der puren Massenproduktion hin zu einer naturgerechten Erzeugung. Die Verbraucher können durch eine bewusstere und zugleich gesündere Ernährung etwas für sich und die Gesellschaft tun. Unter dem Strich kostet sie das nicht einmal mehr. Es bedarf auch einer Anpassung der Landwirtschaft an veränderte klimatische Bedingungen, statt vor allem auf chemische Helfer zu setzen. Ansatzpunkte gibt es also genug. Die momentane Dürre sollte für den notwendigen Handlungsdruck sorgen.

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