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Datendiebstahl Kaum ein Land beherrscht die Kunst des Hackens so gut wie Russland – woher kommt dieser Wissensvorsprung? / Geheimdienste haben ihre Finger im Spiel

Die Spione aus dem Rechner verstehen ihr Handwerk

Es gibt da eine Geschichte aus den 1990er Jahren. Der Kreml kämpfte damals mit den Webseiten tschetschenischer Separatisten und hielt das, was dort verbreitet worden war – zwischen den zwei Tschetschenien-Kriegen –, für eine reale Gefahr. Entgegensetzen konnte der russische Geheimdienst diesen Seiten aber offensichtlich wenig. Sie befanden sich auf Servern anderer Länder, Russland schien machtlos.

Dann aber sollen sich Studenten aus Tomsk, schon im 19. Jahrhundert ein Bildungszentrum im westlichen Sibirien, zusammengetan und die besagten Seiten lahmgelegt haben. Der Geheimdienst applaudierte den „patriotisch gesinnten Jungs“. Festgenommen – denn Hacking gilt auch in Russland als strafbar – wurde niemand. Ihr Vorgehen nutzte schließlich der Staatsmacht.

Es ist eine Geschichte, die Andrej Soldatow, Russlands bekanntester Geheimdienst-Experte, gern erzählt. Sie ist symptomatisch für die Zusammenarbeit zwischen russischen IT-Studenten oder IT-Unternehmen mit dem russischen Inlandsgeheimdient FSB oder dem Militär-Nachrichtendienst GRU.

Digitale Spuren werden verwischt

Die Hacker sind bis heute oft nicht direkt bei den Geheimdiensten zu finden. Die Geheimdienste vergeben jedoch Lizenzen, die die ausgelagerten Dienstleister berechtigen, auch mit Informationen zu arbeiten, die als Staatsgeheimnis eingestuft sind. Sobald nach einem Hackerangriff auf eine Regierung der Finger wieder einmal auf Russland zeigt – sei es bei amerikanischen Wahlen, beim Absaugen von Informationen aus dem Bundestag oder dem Angriff auf das deutsche Regierungsnetz –, kann Russlands Machtspitze alle Vorwürfe von sich weisen und gar eine internationale Zusammenarbeit gegen Cyberattacken vorschlagen. Denn mit Hacking, so wiederholt der Kreml immer wieder, habe man nichts zu tun.

Gerichtsfeste Beweise für die Manipulationen im Namen der russischen Regierung gibt es in der Tat nicht, auch wenn unterschiedliche Sicherheitsbehörden behaupten, dass die Hacker im Auftrag Moskaus arbeiteten. Die bestehenden Muster der Cyberangriffe machten die Spur nach Russland stichhaltig. Da technische Indizien jedoch manipuliert werden können, bleiben stets Zweifel, inwieweit Hackergruppen wie APT 28 oder Turla, dessen Spionagewerkzeuge laut IT-Experten zu den fortschrittlichsten und komplexesten gehören, von Russlands Regierung gefördert werden.

Der Diebstahl von Computertechnologie gehörte bereits zu Sowjetzeiten neben militärischen Geheimnissen zu den wichtigsten Aufgaben des KGB (heute unter dem Namen FSB bekannt). Technologisch war die Sowjetunion dem Westen in vielen Bereichen unterlegen, in der Spionage aber immer Weltspitze. Russland folgt dieser Tradition. Und obwohl das Land keine eigene Computertechnologie besitzt, hat die IT-Branche in Russland einen guten Ruf. Hier lassen sich stabile Jobs finden.

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