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Strategie Ökologie-Experte Patrick Graichen sieht in Deutschland vor allem Nachholbedarf bei Gebäudedämmung und im Verkehr

„Effizienz und Elektrifizierung sind die Schlüssel“

Die schwierigen Teile der Energiewende kommen erst noch, sagt Patrick Graichen.

Herr Graichen, müssen die Strompreise steigen, wenn Sonne, Wind und Biomasse fossile Kraftwerke ersetzen?

Patrick Graichen: Nein, im Gegenteil: Neue Wind- und Solaranlagen sind sehr günstig. Schon seit einigen Jahren produzieren sie billiger als neue Kohle- und Gaskraftwerke. 2018 lagen sie sogar erstmals unter den laufenden Kosten von abgeschriebenen Steinkohlekraftwerken. Eine Wahnsinnsgeschichte, denn damit hatten Experten bisher erst Mitte der 2020er Jahre gerechnet. Der Grund ist einfach: die Technologiekosten der Erneuerbaren sinken, während gleichzeitig die Preise für Kohle und für CO2-Verschmutzungszertifikate gestiegen sind.

Wird die Energiewende nicht schwieriger, wenn Wärmeversorgung und Verkehr umgestellt werden müssen?

Graichen: Nach der Stromwende kommen jetzt die Verkehrs- und Wärmewende. Die Strategie ist klar: Effizienz und Elektrifizierung sind die Schlüssel. Also Energieverbrauch runter, Wechsel zu Elektromobilität, Heizen mit Strom-Wärme-Pumpen und sauberer Fernwärme. Sie haben aber recht: Das werden dicke Brocken, denn aktuell ist davon noch wenig zu sehen. Nur ist Nichtstun keine Alternative. Wenn Deutschland seine Klimaziele bei Gebäuden und Verkehr reißt, wird es sehr teuer: Dann muss die Regierung bis zum Jahr 2030 für 60 Milliarden Euro Emissionsrechte zukaufen.

Ist es realistisch, die Bundesrepublik oder auch ganz Europa überwiegend mit sauberem Strom anzutreiben, ohne die Landschaft komplett mit Windrädern zu verschandeln?

Graichen: Die Voraussetzung dafür ist Energieeffizienz. Wenn wir unseren derzeitigen Energieverbrauch deutlich senken, ist die Vollversorgung mit sauberem Strom möglich –und unsere Landschaft bleibt liebenswert. Entscheidend ist die Mischung: Nicht nur Windenergie an Land, sondern auch Solarenergie und Windkraft auf dem Meer spielen in allen Szenarien eine große Rolle. Dafür werden wir jedoch mehr Stromleitungen brauchen.

Eine Variante besteht beispielsweise darin, einfach weniger Energie zu verbrauchen. Wo liegen denn hier die großen Einsparpotenziale?

Graichen: Im Gebäudebereich sehe ich Einsparmöglichkeiten. Hier geht es darum, möglichst gut zu dämmen. Das senkt bei alten Häusern den Energiebedarf um zwei Drittel und mehr. Was dann noch an Heizwärme nötig ist, lässt sich gut mit einer Wärmepumpe erzeugen, die mit klimafreundlichem Strom läuft. Im Verkehr bringt die Elektromobilität zugleich einen großen Effizienzgewinn mit sich: Ein Dieselmotor gibt die Hälfte der im Kraftstoff enthaltenen Energie als Abwärme ab, beim Benziner ist es noch mehr. Ein Elektroauto kann hingegen rund 90 Prozent des Stroms aus der Batterie auf die Straße bringen.