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Geschichte Das Ende des letzten deutschen Monarchen hat viel mit einem Mann aus dem Südwesten zu tun / Verzicht auf Position des Staatsoberhaupts und Rückzug Richtung Bodensee

Ein Badener stößt den Kaiser vom Thron

Sein Deckname lautet bescheiden „Der Wunschlose“. Aber ausgerechnet er als Adeliger schafft still und friedlich den Umsturz: Prinz Max von Baden beendet im Herbst 1918 als letzter Reichskanzler die deutsche Monarchie.

Seine Feinde schmähen ihn als Verräter, als Totengräber der Monarchie, verspotten ihn als „Bademax“. Und es ist ausgerechnet auch noch ein Verwandter, nämlich sein Vetter, den er vom Thron stößt: Kaiser Wilhelm II., Deutschlands letzter Monarch. Prinz Max ist die Schlüsselfigur am Übergang zur Republik.

Solch eine herausgehobene Rolle passt eigentlich nicht zu ihm. Geboren ist er am 10. Juli 1867 in Baden-Baden. Schon frühe Tagebucheinträge offenbaren Konflikte mit dem starren Reglement. Er studiert Jura, unter anderem in Heidelberg. Dann schlägt er, wie für einen Vertreter des Hochadels üblich, die Offizierslaufbahn in der Preußischen Armee ein.

Obwohl homosexuell, heiratet Prinz Max im Jahr 1900, bekommt mit Maria-Luise von Hannover-Cumberland zwei Kinder. Schon 1911 verlässt er das Heer als Generalleutnant und zieht sich ins Privatleben zurück. Dabei hat er offiziell eine wichtige Funktion: Er gilt als badischer Thronfolger, denn Großherzog Friedrich II. ist kinderlos.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 wird Prinz Max wieder für die Truppe reaktiviert. Aber die, wie er schreibt, „furchtbaren Erregungen und Erschütterungen der modernen Schlacht“ sind nichts für ihn, obwohl er sie nur im Generalstab mitbekommt. Der Krieg sei „seinem ganzen Wesen und Denken dermaßen fremd“, schreibt er. Daher widmet er sich ab 1915 lieber der Hilfe für Kriegsgefangene.

Dadurch kommt der so anders, ja für damalige Verhältnisse liberal und humanitär denkende Prinz in Kontakt zu Kreisen, die ihn für die Politik gewinnen wollen – zumal sein öffentliches Plädoyer gegen den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der am 6. April 1917 zum Kriegseintritt der USA führt, Aufsehen erregt.

Knapp sechs Wochen Amtszeit

Seit Sommer 1917 berät er sich mit Freunden über die Möglichkeiten einer Kanzlerschaft. „Der Wunschlose“ ist dabei sein doppeldeutiger Deckname. Wegen der Zensur werden damals alle Namen in den fiktiven Kabinettslisten, die Gegenstand der Gedankenspiele mit Freunden sind, chiffriert.

Wirklich ernannt wird er, als das Kaiserreich militärisch wie politisch schon am Abgrund steht – am 3. Oktober 1918. „Wohl gibt es Parteien, aber es sind alles Deutsche“, erklärt er am 5. Oktober im Reichstag. Das Volk solle einig, „friedensbereit und kampfentschlossen“ sein, formuliert er, informiert aber zugleich, dass erden US-amerikanischen Präsidenten Wilson um einen Waffenstillstand gebeten hat. Die Oberste Heeresleitung ist froh, dass er für sie die Schmach der Kapitulation vollzieht.

Lange jedoch regiert Prinz Max von Baden als Reichskanzler nicht, letztlich kaum sechs Wochen. In der Zeit fällt er durch Krankheit aus – offiziell die Grippe, aber die Rede ist von einem Nervenzusammenbruch, und von Erpressung wegen seiner Homosexualität.

Doch in einem entscheidenden Moment zeigt er enorme Entschlossenheit. Zunächst versucht er, Kaiser Wilhelm II. den freiwilligen Thronverzicht nahezulegen. Der preußische Innenminister Arnold Bill Drews, den er dazu ins Hauptquartier des Kaisers im belgischen Spa schickt, erreicht aber nichts. Als sich die revolutionäre Stimmung in Berlin zuspitzt, verkündet der Reichskanzler eigenmächtig die Abdankung des Kaisers Wilhelm II. und den Thronverzicht des Erbprinzen, was beide erst später notgedrungen schriftlich bestätigen.

Daraufhin überschlagen sich die Ereignisse: Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft die Republik, Karl Liebknecht die sozialistische Republik aus. Prinz Max übergibt das Amt des Reichskanzlers an den Heidelberger sozialdemokratischen Abgeordneten Friedrich Ebert. Angehörige des Arbeiter- und Soldatenrates holen die Standarte der Kaiserin, die über dem Neuen Palais in Potsdam weht, ein – Wilhelm II. selbst ist ja im Hauptquartier in Belgien. Das Angebot, als Reichsverweser provisorisch Staatsoberhaupt zu werden, lehnt Prinz Max von Baden ab.

Manche Historiker sind sich sicher, dass Max von Baden gar keine Republik, sondern die Monarchie bewahren wollte. „Er hat das Kriegsleiden beendet, eine blutige Revolution in Deutschland verhindert, das Land vor Schlimmerem bewahrt“, ist indes Birgit Rückert von den Staatlichen Schlössern und Gärten, die ihm in Salem eine Ausstellung widmete, von seiner Rolle als Retter beim Übergang zur Republik überzeugt.

Gründung der Schule Salem

Von Berlin zieht Max von Baden sich ins beschauliche Salem zurück, das seither Familiensitz ist. Diplomat Kurt Hahn, zuvor im Auswärtigen Amt tätig und während der Kanzlerschaft enger Berater, folgt ihm bald, nachdem er zunächst noch bei den Versailler Friedensverhandlungen dabei ist. Mit Hahn gründet der Prinz die Schule Schloss Salem, die 1920 öffnet und den Namen des ehemaligen Zisterzienserklosters weltweit berühmt macht.

Von Zeitgenossen von rechts weiter heftig angefeindet, beginnt der Prinz aber am Bodensee zudem, seine Erinnerungen zu schreiben – mit Hahns maßgeblicher Hilfe. Dem Kampf gegen die Mär, er habe das deutsche Volk verraten und die Kriegsniederlage verschuldet, dient auch die von ihm 1919 mit Max Weber gegründete „Arbeitsgemeinschaft für die Politik des Rechts – Heidelberger Vereinigung“.

Warnung vor Extremismus

Noch 1923 appelliert Prinz Max von Baden an Reichspräsident Ebert, eine Präsidialdiktatur einzuführen. Das weist ihn zwar nicht als Demokraten aus, aber seine Befürchtung, dass enorme Gefahr durch Kommunisten und Faschisten droht, bestätigt sich. Der Nationalsozialismus führt zum Untergang der Weimarer Republik und zur Hitler-Diktatur.

Die erlebt Max von Baden jedoch nicht mehr. 1929 stirbt der Prinz, krank, zermürbt und frustriert, mit 62 Jahren. Der ehemalige Kaiser, ins Exil nach Huis Doorn in den Niederlanden geflüchtet, hat ihm sein „meuchlerisches Tun“ und „die Ruinierung des Reiches“ nie verziehen. Die Sozialdemokraten dagegen loben den Adeligen bei seinem Tod in der Zeitung „Vorwärts“ als „Mann von anständiger Gesinnung und gutem Willen“, der sich „unmögliches zugemutet hatte“.