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Brexit Auf Spurensuche in der Psyche von Befürwortern des britischen Ausstiegs aus der Europäischen Union / Anhaltende Bedeutung der Weltkriegsrhetorik

Ein Feldzug gegen die Gemeinschaft

Archivartikel

Was in Großbritannien gerade vor sich geht, versteht kaum noch ein Mensch. Was dort geschieht, hat wenig mit Vernunft und Logik zu tun, sagen Wissenschaftler. Sie behaupten: Hier bestimmt Emotionalität die Entscheidungen.

Die schrille Stimme überschlägt sich fast, als die Politikerin auf der Bühne dem Publikum entgegenschreit: „Himmel Herrgott, wenn wir uns von diesem Haufen regieren hätten lassen, dann hätten wir in Dünkirchen aufgegeben.“ Dieser Haufen – damit meint Ann Widdecombe die Europäische Union. Und mit Dünkirchen zückt die mittlerweile ins Europaparlament eingezogene Abgeordnete der EU-feindlichen Brexit-Partei die Trumpfkarte, die zuverlässig bei den Hartgesottenen funktioniert: der Zweite Weltkrieg.

Auch an jenem Abend vor einigen Wochen im beschaulichen Städtchen Peterborough im Osten Englands kommt es an, den Geist des Widerstands zu beschwören, den Heroismus der Briten, die sich Adolf Hitler und überhaupt dem Unrecht der Welt widersetzt haben, selbst als im französischen Dünkirchen britische Truppen von der deutschen Wehrmacht eingekesselt waren. Damals, 1940, appellierte der Premier Winston Churchill an das Volk, bei der Rettung der Landsleute zu helfen. In einer beispiellosen Solidaritätsaktion setzte neben Kriegsschiffen eine Armada aus privaten Fischerbooten, Jachten und Segeljollen über den Ärmelkanal und evakuierte hunderttausende Soldaten.

Der Ruf zum britischen Zusammenhalt und die Antwort der Nation in einem Moment der Krise gelten als eine der feinsten Stunden in der Geschichte des Königreichs. Nun ist wieder Krise, wenn auch hausgemacht, aber das wollen sie in bestimmten Kreisen nicht hören. Und Premierminister Boris Johnson ist nicht Churchill, obwohl er sich gern so präsentiert und seine Anhänger bereits Vergleiche ziehen.

Vage Zukunftsversprechungen

Krise also, da ist in der Regel auch der Krieg nicht weit. Ob der Exzentriker Johnson etwa im Sinne seines Vorbilds Churchill mit pathetischen Durchhalteparolen, viel Patriotismus und Anspielungen auf die Zeit während des Zweiten Weltkriegs und der folgenden Jahre das Volk optimistisch zu stimmen versucht, oder ob Brexit-Befürworter wie der Rechtspopulist Nigel Farage mit falscher Nostalgie von alten Zeiten schwärmen und gegen die EU wettern – das hatte schon im Vorfeld der Referendumskampagne im Jahr 2016 verfangen, und es verfängt heute, wenn das Vereinigte Königreich darüber diskutiert, dass bei einem ungeregelten EU-Austritt Benzin, Lebensmittel und Medikamente knapp werden, Sozialkosten steigen oder Unternehmen in die Insolvenz rutschen könnten.

Schuld sind stets andere – ob EU oder Brexit-Gegner, die angeblich das Land herunterreden und mit ihrem Pessimismus den Erfolg des Projekts Ausstieg gefährden. Will man Johnson glauben, wird die Zukunft außerhalb der Staatengemeinschaft allein durch die „Wir-schaffen-das“-Mentalität rosig.

„Dass die Menschen statt auf rationale Argumente zu hören auf das Emotionale ansprechen, ist ein Abwehrmechanismus“, sagt Ian Robertson, emeritierter Psychologie-Professor am Trinity College Dublin. „Das Bild von der Rolle im Zweiten Weltkrieg zu bemühen, erlaubt es ihnen, ihre Sorgen zu unterdrücken und stattdessen diesem einfachen Erzählmuster zu folgen, nach dem man nur an einem Strang ziehen muss und so harte Zeiten durchsteht.“

Etliche Briten betrachten sich plötzlich als Teil einer zusammengehörigen Bewegung, die – angeführt von der Regierung – im Chor „Packen wir es an“ ruft. Verschiedene Gründe sind dafür verantwortlich, warum 51,9 Prozent der Wähler im Jahr 2016 für den Brexit gestimmt haben. Und unterschiedliche Motive sind es, warum sie 2019 trotz Horrorszenarien an ihrer Entscheidung festhalten.

Die Ablehnung einer europäischen Identität sei einer der psychologischen Faktoren gewesen, sagt Robertson. Hinzu kommt, dass sich viele Briten fast 80 Jahre nach dem „Wunder von Dünkirchen“ abermals von den Europäern eingekesselt fühlen, dieses Mal politisch in Gestalt der EU. Angestachelt und bestätigt von Volksverführern wie Farage fürchten sie durch die Staatengemeinschaft eine externe Bedrohung in Form von Einwanderung oder in Brüssel ausgemachten Überregulierungen.

Es war an einem Dienstag, als Simon Richards zum EU-Skeptiker wurde. Der Brite erinnert sich noch gut an jenen Abend, der seinen Feldzug gegen die Gemeinschaft einleiten sollte. Es war der 20. September 1988, und die damalige Premierministerin Margaret Thatcher gab dem Europakurs der Deutschen und Franzosen offiziell eine Absage. In ihrer unnachahmlich scharfen Art schimpfte die britische Regierungschefin, man habe auf der Insel den Staat nicht deshalb erfolgreich zurückgedrängt, „um ihn auf europäischer Ebene mit einem europäischen Superstaat wiedererrichtet zu sehen“. Mit ihrer Ansprache im belgischen Brügge legte die Konservative damals den Grundstein für das Drama, das seit Monaten im Königreich unter dem Titel Brexit läuft.

Bedeutung der Geschichte

Richards möchte diese Episode endlich beendet sehen. Seiner Ansicht nach ist die EU zutiefst undemokratisch. „Für die Briten ist Geschichte von Bedeutung, und unsere Demokratie hat eine lange Tradition“, sagt der 61-Jährige. Da ist sie wieder, die Geschichte, der Stolz. Der im Handelsmarketing tätige Richards, der die Insel künftig liberaler und am liebsten zum Steuerparadies entwickelt sehen würde, setzt alle Hoffnung auf Johnson. Dieser bekräftigt regelmäßig, das Königreich am 31. Oktober aus der EU zu führen.

Dass bei einem ungeordneten Austritt für das Königreich die Regeln der Welthandelsorganisation gelten und damit unter anderem automatisch Zölle eingeführt würden – geschenkt. „Wir fangen ganz von vorn an und können Abkommen mit Ländern auf der ganzen Welt schließen“, sagt Richards, und seine Antworten auf die beunruhigenden Probleme klingen wie aus einem Brexit-Argumentationskatalog, aus dem sich die Austrittsbefürworter je nach Thema die passenden Erklärungen herauszusuchen scheinen.

Nicht nur ein zuletzt öffentlich gewordenes internes Dokument der britischen Regierung gibt düstere Prognosen ab. Im Großteil der Wirtschaftswelt werden katastrophale Szenarien gemalt, sollte die Scheidung ohne Vertrag durchgehen. Es drohen hohe Zollbarrieren und Handelsverwerfungen, ein Absturz des ohnehin bereits im Wert gefallenen Pfunds, eine höhere Inflation und kilometerlange Staus rund um die Häfen, etwa in Dover, zudem steigende Lebensmittel- und Treibstoffkosten bei gleichzeitig sinkenden Löhnen und zurückgehenden Investitionen.

„Pure Angstmacherei“, tönt es dann nur von den Austrittsbefürwortern. Sie lachen solche Vorhersagen in der Regel weg. Auch Richards winkt ab. „Wenn ein Produkt gut ist, werden es die Menschen kaufen.“ Er glaubt nicht, dass es den Menschen langfristig schlechter gehen werde. „Sobald wir aus der EU sind, werden wir prosperieren.“

Eine Glaubensfrage

Wenn Vertreter des Automobilsektors beinahe verzweifelt aus Sorge vor gravierenden Lieferschwierigkeiten ein Abkommen fordern, kommt bei Richards alles andere als Mitleid auf. „Es passt ihnen gut, alles auf den Brexit zu schieben.“ Dabei seien vor allem der Dieselskandal, das Überangebot und die schwächere globale Konjunktur für die „schwierige Lage“ verantwortlich. „Die Idee, dass das ,Projekt Angst’ eine erfundene Sache ist, war eine wirkungsmächtige Darstellung des Brexit-Lagers während der Referendumskampagne“, sagt Alan Wager, Politikwissenschaftler am Londoner King’s College. Mit diesem Totschlagargument werden seit Jahren alle Negativmeldungen abgeschmettert, auch wenn es sich längst nicht mehr nur um Prognosen handelt.

Zwar erkennen laut Wager manche Brexit-Wähler an, dass es kurzfristig zu Störungen kommen könnte, aber den meisten Vorhersagen der Experten und Unternehmern glauben sie nicht. Denn die britische Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren als äußerst widerstandsfähig erwiesen. Die Arbeitslosigkeit hat einen historischen Tiefstand erreicht und die steigenden Löhne seien laut Johnson der Beweis, wie hervorragend es dem Land gehe.

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Unsicherheit hängt wie ein Damoklesschwert über der Insel, Investitionen werden zurückgehalten, und der Dienstleistungssektor, der rund 80 Prozent zur Wirtschaftskraft des Königreichs beiträgt, stagniert. Während etwa in der Welt der EU-Freunde Mark Carney, immerhin britischer Notenbankchef, im Fall eines Brexits ohne Abkommen vor einem „sofortigen Schock“ für die Volkswirtschaft in Form einer scharfen Rezession warnt, titelt das europaskeptische Hausblatt von Johnson, „The Telegraph“: „Carney beschuldigt, Projekt Angst wiederzubeleben.“ So geht das seit Jahren.

Zwar deuten Umfragen an, dass bei einem erneuten Referendum das pro-europäische Lager gewinnen würde. Doch diese Verschiebung liegt vor allem am Bevölkerungswandel. So würde sich etwa die überwältigende Mehrheit der jungen Menschen, die 2016 noch nicht ihr Kreuz setzen durften, für den Verbleib aussprechen. Warum aber sorgen die Horrorszenarien aus Wirtschaft und Politik, aus Nordirland und dem abspaltungswilligen Schottland nicht für einen Meinungsumschwung?

Die Sache ist mittlerweile größer als der Brexit. Wie bei treuen Fans von Fußballclubs, die ihrem Team auch in erfolglosen Zeiten beistehen, handelt es sich laut Politologe Wager bei Brexit-Unterstützern und -Gegnern um so etwas wie eine Glaubenssache. „Während man früher Anhänger der Konservativen oder der Labour-Partei war, ist es heute wichtiger, ob man für oder gegen den Austritt ist.“ Mittlerweile werde die politische Identität darüber definiert, zu welchem Lager man gehört, so Wager. Und deshalb änderten die Menschen auch nicht einfach ihren Standpunkt.

Hinzu kommt, dass manche nicht den Eindruck haben, dass es noch schlimmer kommen könnte. Im Norden Englands etwa, wo einst die Eisen- und Stahlproduktion florierte und heute rote Bergarbeiter-Häuschen sowie brachliegende Zechen und Fabriken als Überbleibsel von den vergangenen industriellen Blütezeiten zeugen. Die Wirtschaft fiel schon vor Jahrzehnten den Privatisierungsplänen Thatchers zum Opfer, Trostlosigkeit zog in die Vorgärten der Häusersiedlungen ein. Viele Briten aus der Arbeiterschicht dort haben für den Brexit gestimmt, aus Protest gegen das Parlament in Westminster, aus Verzweiflung über den jahrelangen Sparkurs, der die Gegend so hart getroffen hat wie kaum eine andere Region. Wenn sie nun die Befürchtungen der Wirtschaftselite hören, herrscht Unverständnis. Stattdessen scheint sich das Votum bisher für sie ausgezahlt zu haben. Plötzlich reist Johnson in die Region und verspricht Investitionen. Plötzlich erhalten die Vergessenen Beachtung.

„Vermutlich muss es erst zu einem ungeordneten Brexit kommen, bevor die Menschen die Konsequenzen glauben“, sagt Politologe Wager. Dabei hätte solch ein Szenario auch Vorteile. „Es könnte einen kathartischen Effekt auf das Verständnis der Menschen haben, wie das globale wirtschaftliche und politische System funktioniert.“

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