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USA Im Jahr 1968 zerstören zwei Attentäter die Hoffnungen vieler Amerikaner auf ein bessere Zukunft – bis heute hat sich der Traum von Gleichberechtigung zwischen Weiß und Schwarz nicht erfüllt

Ein Land zwischen Revolte und Restauration

Archivartikel

1968 geht für die USA als traumatisches Jahr in die Geschichtsbücher ein. Die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy, die Eskalation des Vietnamkriegs, Massenproteste und Rassenunruhen bewegen das Land. Am Ende steht die Schockwahl von Richard Nixons ins Weiße Haus.

Am 4. April 1968 verdunkelt sich der Himmel über der amerikanischen Hauptstadt. Rauchwolken steigen über den Nachbarschaften rund um die 14te Straße auf. Einen Spaziergang vom Weißen Haus entfernt entlädt sich der Frust der Schwarzen über den Tod Martin Luther Kings, den ein weißer Rassist in Memphis ermordet hat. Nur Stunden nach dem Attentat auf die Symbolfigur des schwarzen Widerstands gegen die Rassendiskriminierung eskaliert die Lage. Nicht nur im schwarzen Memphis, sondern überall in den Innenstädten der Metropolen von Seattle und Los Angeles über Chicago und St. Louis bis hin zu New York und Miami. In 170 Städten brechen Krawalle aus.

Besonders dramatisch entwickeln sich die Dinge in Washington, das die schwersten Rassenunruhen seit mehr als 100 Jahren erlebt. Sechs Tage halten die schweren Krawalle an. Das Weiße Haus schickt 10 000 Soldaten in die Straßen, um die Lage in den schwarzen Vierteln unter Kontrolle zu bekommen. Zurück bleiben Tote und Verletzte und mehr als 1200 ausgebrannte Ruinen.

Arm und reich prallen aufeinander

Historiker haben eine einfache Erklärung, warum gerade in Washington die Lage so dramatisch eskaliert. Nirgendwo sonst prallen Reichtum und Armut auf so engem Raum aufeinander wie hier. Die Slums liegen nur einen kurzen Spaziergang vom Weißen Haus entfernt. Der Untersuchungsbericht der Regierung unter dem demokratischen Präsident Lyndon Johnson zeigt mit dem Finger überraschend deutlich auf einen Trend in den USA: das immer stärkere Auseinanderdriften einer entlang von Rassen- und Einkommensgrenzen gespaltenen Gesellschaft. Dieses findet sein Symbol in der Flucht der Weißen aus den Innenstädten in die Vororte.

Kein anderer legt den Finger so sehr in diese Wunde wie der Pfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King, der seit Jahren den gewaltfreien Widerstand gegen Rassismus und Armut anführt. Sein auf den Stufen des Lincoln-Denkmals formulierter Traum von einer gerechten Gesellschaft verkehrt sich in diesen Frühlingstagen zu einem Alptraum. Am 4. April 1968 stirbt King auf dem Balkon des Lorraine-Motels in Memphis durch eine Kugel, die der Rassist James Earl Ray abfeuert.

Der Mord fällt mit dem Beginn von Kings „Poor Peoples Campaign“ (Kampagne gegen Armut) zusammen, für die er zum Müllarbeiter-Streik nach Memphis gekommen ist. Ihm geht es darum, den Zusammenhang zwischen den – wie er sagt – „drei Sünden Armut, Rassismus und Militärismus“ herzustellen.

Der Tod Kings ist bis heute noch nicht restlos aufgeklärt. Mehr als 600 000 Dokumente rund um das Verbrechen bleiben weiter unter Verschluss. Klar ist nur, dass der Mord von Memphis eine klaffende Wunde in der Gesellschaft freilegt.

Als wäre das nicht genug, wird zwei Monate später, am 6. Juni, ein anderer Hoffnungsträger ermordet. Robert „Bobby“ Kennedy, der Bruder des im November 1963 erschossenen US-Präsidenten John F. Kennedy, hat sich gerade die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der demokratischen Partei gesichert, als im Ballsaal des Hotels Ambassador in Los Angeles Schüsse fallen. Die Polizei nimmt den später zu lebenslanger Haft verurteilten Täter, den palästinensische Einwanderer Sirhan Sirhan, fest. Kennedy erliegt am folgenden Tag seinen Verletzungen. Auch dieser Mord wird bis heute von einer Fülle an Verschwörungstheorien umhüllt.

Johnson greift hart durch

RFK’s Wahlkampf löst zuvor Begeisterungsstürme aus, für die sich in der Geschichte der Vorwahlen wenig Beispiele finden. Kennedy verspricht mit seinem Einsatz für soziale Gerechtigkeit das Erbe Kings fortzuführen. Sein Appell zu gegenseitigem Mitgefühl und Solidarität mit den Opfern von Rassismus und Armut motiviert auch die nach dem Tod des Bürgerrechtlers traumatisierten Schwarzen und Latinos. Kennedy ist aber auch der Hoffnungsträger der weißen Linken und Vietnamkriegsgegner, die bei Massenprotesten ein Ende des schmutzigen Krieges in Fernost verlangen. 1968 soll endlich die Wende bringen.

Während RFK über Frieden in Vietnam spricht eskaliert Johnson das US-Engagement. Er reagiert damit auf die sogenannte „Tet-Offensive“ des Nordens von Vietnam. Zwischen dem 30. Januar und dem 23. September greifen die kommunistischen Truppen rund einhundert südvietnamesischen Städte und Stellungen an. Täglich kommen ins Sternenbanner gehüllte Zinksärge mit GI’s nach Hause. 1968 fallen mit fast 17 000 die meisten US-Soldaten während des gesamten Krieges. Es sind vor allem junge US-Amerikaner, darunter überproportional viele aus unteren Einkommensgruppen und Schwarze. Der Bürgerrechtler Stokeley Carmichael drückt den Zorn über die ungleiche Lastenverteilung aus. Er schlägt eine Brücke zwischen dem grassierenden Rassismus dem als ungerecht empfunden Krieg in Vietnam. „Weiße lassen Schwarze Gelbe angreifen, um das Land zu verteidigen, das sie Roten gestohlen haben.“

Je länger der Krieg dauert, desto stärker gerät Johnsons Legitimität in Frage. Das „My Lai“-Massaker vom März 1968 ist der Tiefpunkt des amerikanischen Ansehens in der Welt. Die Bilder von amerikanischen B-52-Bombern, die auf Vietnamesen Napalm abwarfen und das Land mit „Agent Orange“ vergiften, mobilisieren die Straßen.

Berühmtheiten wie Mohammed Ali und Angela Davis unterstützen die Vietnamkrieg-Proteste an den Universitäten und in den amerikanischen Metropolen. Es kocht auf Amerikas Straßen.

Langer Marsch Richtung rechts

Unter der Oberfläche des Protest-jahrs 1968 formieren sich starke Gegenströmungen, die bei den Präsidentschaftswahlen am 5. November zu einer Überraschung führen. Der Republikaner Richard Nixon schockt Amerikas Linke, als er die Mehrheit holt und ins Weiße Haus einzieht. Die „schweigende Mehrheit“ der Amerikaner lehnt sich mit Nixons Wahl gegen die Veränderungen auf, die Konsumgesellschaft, Massenmedien und demografischer Wandel ankündigen.

Dazu gehört auch das Erstarken der Frauenbewegung, die traditionelle Rollenbilder in Frage stellte. Die jungen Amerikanerinnen streben in den Arbeitsmarkt und verlangen Gleichberechtigung. Die Verhütung durch die „Pille“ erlaubt zudem ein neues Maß an sexueller Selbstbestimmung. Gleichzeitig wirken alte Rollenbilder fort, wie sich selbst in der Protestbewegung der 68er zeigt. Die „Bräute der Revolution“ kochen den männlichen Wortführern den Kaffee und tippen Resolutionen ab.

Nixons Appell an die „schweigende Mehrheit“ bereitet den Boden für die Verschiebung der tektonischen Platten in der amerikanischen Politik. Vor der Kulisse der Hippie-Kultur, Massenprotesten und Frauenemanzipation beginnt 1968 Amerikas langer Marsch nach rechts. Die tiefe Spaltung der US-Gesellschaft offenbart sich überall.

Offene rassistische Töne

1968 gerät in den USA zu einem Kristallisationspunkt. Es steht nicht allein für Protest und Wandel, sondern legt auch die Sollbruchstellen einer Gesellschaft offen, die nicht denselben Traum teilt. Und eben auch den Beginn einer konservativen Gegenbewegung, die versucht ein Amerika zu restaurieren, das es längst nicht mehr gibt. Während in Westdeutschland die Linke Rudi Dutschkes „Marsch durch die Institutionen“ beginnt, passiert in den USA das genaue Gegenteil. Graduell radikalisierten sich Amerikas Konservative immer weiter.

Wer heute durch die gentrifizierten Nachbarschaften rund um die 14te Straße mit ihren Restaurants, Kneipen und Straßencafés zieht, kann den Eindruck gewinnen, die Wunden seien verheilt. Die Ruinen sind hippen Stadtwohnungen gewichen, in denen die urbane Elite Washingtons ihr Zuhause gefunden hat. Wie andernorts in Amerika wird auch in „DC“ die Innenstadt weiß. Die Armen und Schwarzen werden sprichwörtlich an den Rand gedrängt. Sie bevölkern heute die Vororte, in denen es an öffentlicher Infrastruktur mangelt.

Schlimmer noch – ein halbes Jahrhundert nach den schweren Rassenunruhen und den Morden an King und Kennedy sitzt heute einer im Weißen Haus, der wieder offen rassistische Töne anschlägt.

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