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Russland Neue Straßen, ein Flugplatz, ein ganzer Stadtteil – zur Fußball-Weltmeisterschaft hat sich im Äußeren von Saransk viel verändert

Ende des Provinzschlafs – bald rollt der Ball

Saransk ist die kleinste Stadt, in der die Fußball-WM in Russland ausgetragen wird. Eine Stadt, die selbst kaum ein Russe kennt. Was macht so ein Ereignis mit so einem Ort? Nichts wie hin!

Na gut, Jemeljan Pugatschow war hier. Der Anführer des Bauernaufstandes im 18. Jahrhundert, der behauptet hatte, er sei Zar Peter der Dritte. Für ihn haben sie hier ein Denkmal errichtet. Das Einzige in Russland. Der entfernte Verwandte des Schriftstellers Michail Lermontow kommt auch immer wieder vorbei. Alexander Puschkin aber war nie in der Stadt. Welch ein Bedauern! Nach Alexander Puschkin haben sie hier dennoch einiges benannt, den städtischen Park, wo das Riesenrad seine Runden dreht, die städtische Bibliothek. Natürlich eine Straße.

Tatjana Tscherwjatschkowa bemüht sich, die Vorzüge ihrer Stadt zu zeigen. „Die Pottasche, wissen Sie. Dafür war Saransk berühmt, die Filzstiefel, die es in dieser Form nur hier gibt, die Mythologie, die auf Matriarchat setzt, ist einzigartig, unsere Holzschnitzerei ebenso.“ Dann lacht die Heimatforscherin ihr leises Lachen, wird nachdenklich. „Wir sind ein kleines schwarzes Pferd. Haben uns hier im Provinziellen eingerichtet. Und dann das: diese Erschütterung!“

Straßen ohne Schlaglöcher

Die „Erschütterung“ ist die Fußball-WM, die Russland ab dem 14. Juni ausrichtet. Sie hat Saransk, dieses kleine schwarze Pferd, von dem in der Stadt nahezu jeder redet, weil der Begriff etwas Unbekanntes, Ungeheuerliches bezeichnet, aus dem Schlaf gerissen. Hat es aufgerichtet, ja strahlen lassen. Sie hat den Menschen neue Straßen gebracht – ohne Straßenlöcher. Es gibt endlich wieder einen Flughafen, der alte verlassene ist seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb. Hotels, Restaurants, ein ganzer Stadtteil – alles neu gebaut. Und natürlich die Mordowia-Arena, wie ein Ufo liegt sie nur unweit des Zentrums, die orange Farbe, mit traditionellen mordwinischen Rosetten versehen, schimmert durch die Bäume.

Dass sich in der Stadt, die sich in jedem ihrer Bezirke eine Eishalle, eine Schwimmhalle und Leichtathletik-Zentren leistet, kaum einer für den örtlichen Fußballclub „Mordowia“, ja überhaupt für Fußball interessiert, geschenkt! Die Arena zieht so oder so viele an. „Wenigstens diese Stadion-Luft atmen, ein Teil einer riesigen Fan-Gemeinde sein, sich so fühlen, als stünde man selbst auf dem Rasen“, sagen die Menschen dann und laufen zu Fuß an der Uschakow-Kathedrale und der sowjetisch anmutenden Republiksverwaltung zu den Testspielen in die Arena, in deren Außenbereich zentralasiatische Arbeiter noch die Wege asphaltieren und Bäume pflanzen.

Mülltrennung wird forciert

Die Autofahrer schimpfen: „Diese Umleitungen, diese Sperrungen, nie weiß man, wo man lang fahren kann.“ Die jungen Mütter aber flanieren mit ihren Kinderwagen auf den autofreien Wegen. Die Stadt, die ohnehin viel Freiraum bietet, wirkt durch das Aussperren des Verkehrs auf manchen zentralen Straßen noch geräumiger.

Die Fan-Meile ist noch eine Ansammlung von Gittern, die auf dem Boden liegen. In der Fußgängerzone an der Bolschewiki-Straße verkaufen Händler vereinzelt Saransk-Magneten und Fußbälle mit dem Inenarmun-Vogel aus der mordwinischen Mythologie. Ein ruhiger Stadtalltag, in dem bald an die 40 000 Fußball-Fans auftauchen, Peru spielt hier gegen Dänemark, Kolumbien gegen Japan, Iran gegen Portugal und Panama gegen Tunesien.

Viele in Saransk sind unsicher, zwiegespalten. „Schaffen wir das?“, fragt Tatjana Tscherwjatschkowa, die Historikerin. „Schaffen wir es auch danach?“ Die schmächtige dynamische Frau freut sich über so viel Veränderung in ihrer Stadt, die selbst kaum einem Russen ein Begriff ist. Saransk klingt im Russischen ein wenig nach „Stall“, nach „Nässe“, nach „jwd“.

Dabei ist es vor allem in einem die Nummer eins in Russland: in der Mülltrennung. Ein besonderer Flecken im Land, der nicht wie so viele andere Orte unter den austretenden Gasen ihrer Mülldeponien erstickt, weil es rund 700 Container zur Verfügung gestellt bekommt, in die die Menschen Papier, Plastik und Restmüll werfen. In Russland etwas Besonderes. Die in Nordrhein-Westfalen ansässige Recycling-Firma „Remondis“ versucht mit seiner russischen Tochterfirma seit 2011, die Saransker zum umweltschonenderen Leben zu erziehen. Die Stadtverwaltung lässt sie gewähren. „Wir verteilen Ausmalhefte in den Kindergärten, zeigen Werbung im örtlichen Fernsehen, wir betreiben in erster Linie Aufklärungsarbeit“, sagt Michail Kropa, der geschäftsführende Direktor, der sich Gedanken darüber macht, wie er bei all den gesperrten Straßen die Müllabfuhrwagen disponieren muss. „Die WM ist vor allem für die Infrastruktur der Stadt gut“, sagt der Weißrusse, den es über Deutschland hierher verschlagen hatte.

Es ist der kleinste Ort, in dem die Spiele ausgetragen werden. Eine Stadt in Russlands Zentrum, die etwa 300 000 Einwohner hat, und sich plötzlich groß und bedeutsam fühlt. Sie will die Chance nutzen, ihre Eigenarten, ihre Einzigartigkeit zu präsentieren. Sich vom Image zu befreien, lediglich eine riesige Abladefläche für Kriminelle aller Art zu sein (in den Wäldern rundherum wurden noch unter Stalin Kolonien für politische Gefangene errichtet; bis heute befinden sich hier mehr als ein Dutzend Straflager) oder nur die Hauptstadt eines seltsames Völkchens.

Zu Gast bei Mordwinen

Denn Saransk liegt in Mordwinien, die Mordwinen – im Russischen „Mordwa“ genannt, unter Mordwinen selbst aber „Mokscha“ und „Ersja“ – sind die Titularnation dieser russischen autonomen Teilrepublik, auch wenn die ethnischen Mordwinen nur ein Drittel der Einwohner ausmachen. „Mordwa“ gilt im Russischen oft als Schimpfwort, so bezeichnen die Russen jemanden, der schwer von Begriff ist, einen dumpfen Faulpelzen. Es ist ein finno-ugrisches Volk, das seine eigene Sprache pflegt, die dem Finnischen, dem Ungarischen, dem Estnischen ähnelt. Nur geschrieben wird sie kyrillisch.

Tatjana Tscherwjatschkowa führt nun auch viele ausländische Delegationen durch das neu gebaute Heimatkundemuseum an der Rote-Armee-Straße, erklärt ihnen die Besonderheiten des Landstrichs und die Bräuche der russisch-orthodoxen Mokscha und Ersja, die sich kaum von den Russen unterscheiden. Das Folkloristische aber gewinne an Zulauf. Das Schnitzhandwerk und die Nähkünste traditioneller bunter Kleider nähmen zu, die Sprache der Mokscha und Ersja – durchaus unterschiedlich – sei in nahezu jeder Schule in Mordwinien ein Wahlpflichtfach. Dieses „Andere“ habe wohl bei der Vergabe eine Rolle gespielt – „und uns doch arg überrumpelt“, sagt die Historikerin.

Einführung des Ehrenamts

Ähnlich wird sich auch Kirill Komarow (Bild) zwischen all den Megafonen, Schaumstoff-Handschuhen und WM-Plakaten an der Wand im Freiwilligen-Zentrum von Saransk äußern. Der 29-Jährige sprüht förmlich vor Begeisterung für das Großereignis – und ist gleichzeitig ein wenig unsicher. „Wir glauben es erst, wenn wirklich das erste WM-Spiel in unserer Stadt angepfiffen wird“, sagt der Mann, der knapp 1000 WM-Freiwillige zwischen 16 und 86 Jahren in seiner „so bunten, so sonnigen, so fröhlichen“ Stadt koordiniert. Sie werden es sein, die die Fans in Empfang nehmen, die sie zum Stadion leiten und zu ihren Unterkünften, die sie an die Ehrenamtlichen des Fifa-Organisationskomitees übergeben, welche sich wiederum um die Delegationen, Trainings und die Tickets kümmern.

Kirill Komarow empfindet es als Schicksal, die WM in seiner Stadt zu haben. „Zu Olympia nach Sotschi kam ich nicht als Freiwilliger, hatte da gerade einen neuen Job an der Uni begonnen. Nun kommt die WM zu uns, und ich bin dabei – als Leiter der Freiwilligen. Ist doch unglaublich.“ Das Ehrenamt gewinnt erst seit Kurzem an Zulauf in Russland. In Saransk habe der Freiwilligen-Einsatz – vor allem im Bereich von Großveranstaltungen – vielen Menschen nichts gesagt.

Komarow und sein Team seien in die Schulen gegangen, an die Universität, in die Betriebe, hätten informiert, erklärt, für sich geworben. „Nun lernen wir jeden Tag Neues und entwickeln uns weiter“, sagt er und muss wieder einmal ans Telefon, um einem Freiwilligen seinen Einsatzplan für das nächste Testspiel zu erklären. „Hier hat die Weltmeisterschaft schon begonnen.“

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