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Nahost-Experte Udo Steinbach glaubt, dass der türkische Präsident mit seiner Invasion in Nordsyrien langfristig Schiffbruch erleiden wird

Erdogans Himmelfahrtskommando

US-Präsident Donald Trump hat eine Lawine ins Rollen gebracht, die verheerende Folgen in Syrien haben könnte. Der Berliner Nahostexperte Udo Steinbach erklärt, warum der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Invasion in Nordsyrien am Dienstag begonnen hat, obwohl Trump den Eindruck erweckte, er würde den angekündigten Truppenabzug aus Syrien vielleicht wieder einkassieren. „Erdogan konnte nicht mehr zurück, sonst hätte er sein Gesicht verloren“, sagt Steinbach.

Er sieht bei Erdogan vor allem innenpolitische Motive: „Seine Herrschaft befindet sich auf dem absteigenden Ast. Deshalb will der Präsident zu Hause punkten, um seine wankende Position zu festigen.“ Das Ziel: Eroberung des kurdischen Teils in Nordsyrien, damit Erdogan dort zwei Millionen Flüchtlinge ansiedeln kann. „Dieser Plan ist am Bosporus sehr populär, selbst die größte Oppositionspartei CHP unterstützt Erdogan dabei. Und er isoliert gleichzeitig die kurdische HDP, deren Stimmen notwendig waren, um Erdogans Partei den Bürgermeister-Posten in Istanbul zu entreißen.“

Zweifel am US-Abzug

Ist der Präsident also der große Stratege? „Überhaupt nicht. Letztendlich ist das eine Strategie des Niedergangs. Er wird mit all seinen Zielen scheitern. Die Wirtschaft wird nicht besser, und die Opposition kommt auch wieder irgendwann auf die Beine und sucht sich neue Themen“, analysiert der Experte.

Steinbach attestiert Erdogan, dass es ihm am Wochenende gelungen sei, den US-Präsidenten über den Tisch zu ziehen. Dass dieser allerdings nach seinem Versprechen an Erdogan wirklich die US-Truppen vollständig abzieht, ist für Steinbach nach der großen Kritik im Kongress noch nicht ausgemacht. „Ich habe da jedenfalls große Zweifel.“ Kommt es dann zum Krieg zwischen der Türkei und den USA? Davon geht Steinbach nicht aus, aber er kann sich gut vorstellen, dass Trump mit Wirtschaftssanktionen antworten würde. „Das hat er ja bereits in einem Tweet angedeutet, und dies kann Erdogan überhaupt nicht gebrauchen“, so Steinbach. Die Folge wäre demnach eine Krise zwischen zwei Nato-Partnern, über die sich vor allem Russland „ins Fäustchen lachen“ wird.

„Schon der Krieg gegen die Kurden, die sich mit allen Mitteln wehren werden, wird für die Türkei kein Spaziergang“, sagt Steinbach. Aber es könnte noch schlimmer für Erdogan kommen: „Die Kurden haben bereits Präsident Baschar al-Assad um militärische Hilfe gebeten. Dieser hat jetzt nach langem Zögern klargemacht, dass er eine Invasion der Türkei nicht dulden wird“, sagt Steinbach. Da könnte eine Zweckallianz gegen die Angreifer entstehen. „Erdogan hat sich da auf ein regelrechtes Himmelfahrtskommando eingelassen. Es wird für ihn bestimmt nicht gut ausgehen.“

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