Welt und Wissen

Erhalt oder Modernisierung?

Paris.Die Frage nach dem zukünftigen Antlitz des Wahrzeichens der französischen Metropole ist zum Zankapfel der Nation geworden. Seit dem Brand am 15. April reißt der Streit unter Politikern und Architekten um das über 850 Jahre alte Gotteshaus nicht ab. In die erhitzten Debatten zwischen Modernisten und Traditionalisten hat sich nun die Unesco eingeschaltet und daran erinnert, dass die Kathedrale auf der Liste des Weltkulturerbes steht.

Hinweis auf Weltkulturerbe

Die Renovierungsarbeiten müssten in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der Konvention des Weltkulturerbes stehen, zitiert die französische Kunstzeitung „Le Quotidien de l’Art“ das Unesco-Welterbekomitee vor dessen Jahressitzung in Baku (Aserbaidschan). Die Wortmeldung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem Präsident Emmanuel Macron und seine Mitte-Links-Regierung ein Gesetzesprojekt in die Wege geleitet haben, das unter anderem Lockerungen bei den Denkmalschutzvorgaben vorsieht, um die Restaurierung zu beschleunigen.

Für viele will Macron damit auch eine Bresche für die Modernisierung des Gotteshauses schlagen. Kurz nach dem Brand hatte er wissen lassen, dass er sich eine zeitgenössische Architektur durchaus vorstellen könne. Die eingereichten Entwürfe aus einem internationalen Architekturwettbewerb reichen von einem begrünten und begehbaren Dach bis zu einem hochmodernen Spitzturm, der an einen kleinen Wolkenkratzer erinnert oder an eine riesige Flamme.

Vor Wochen schon haben Experten gemahnt, bei der Restaurierung des Gotteshauses nicht zu schnell sein zu wollen. Auf der Homepage der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ warnten rund 1000 Fachleute Macron davor, gegen die Regeln des Schutzes von Kulturgütern zu verstoßen. Vor einer „rückschrittlichen Nostalgie“ hingegen warnt der Chef der französischen Grünen Yannick Jadot. Man dürfe die Geschichte nicht in Stein meißeln.

Doch nicht nur Politiker und Experten sind gespalten. In einer Bürger-Umfrage im April haben sich 54 Prozent und damit nur eine knappe Mehrheit für einen originalgetreuen Wiederaufbau ausgesprochen. Die Zeit, in der das Unglück von Notre-Dame die Nation einte und die Kirche zum Symbol der Eintracht wurde, war nur von kurzer Dauer. dpa