Welt und Wissen

Erst einmal Gespräche führen

Fast neun von zehn Jugendlichen an der Humboldt-Werkrealschule in Mannheim haben Migrationshintergrund, rund 460 Schüler drücken hier, in der Neckarstadt-West, die Schulbank. Beides macht sie mit der Dortmunder Hauptschule am Hafen vergleichbar. Auch die Probleme sind ähnlich gelagert. Und dennoch: Leiter Harald Leber sieht die Sanktionen, die sein Kollege Norbert Rempe-Thiemann in der Großstadt im Ruhrgebiet anwendet, kritisch: Schüler, die zu spät kommen, vor dem Tor stehen lassen? „Wir haben ja noch nicht einmal einen Zaun“, erinnert Leber im Gespräch mit dieser Zeitung.

Davon ganz abgesehen: Der Rektor will niemanden ausschließen. Er setzt auf andere Instrumente. „Die Kollegen melden mir jeden, der zu spät kommt.“ Etwa einmal zwischen den verschiedenen Ferien nehme er sich eine Woche, um mit allen zu sprechen. Rund 20 Schüler seien das in der Regel, gut ein Drittel „Wiederholungs-Zuspätkommer“.

Nachsitzen am Nachmittag

Beim ersten Mal gebe es ein freundliches Gespräch, beim zweiten Mal eine „strengere Ansprache“, danach Nachsitzen am Nachmittag. Wichtig ist Leber aber vor allem ein ganz individuelles Vorgehen: „Jedem ist es schon einmal passiert, dass er zu spät kommt.“ Aber die Gründe könnten ganz unterschiedlich sein. Er nennt das Beispiel eines Jungen, „der in seiner Familie die Verantwortung tragen und seine jüngeren Geschwister in den Kindergarten bringen muss“. Wieso solle er ihn dafür bestrafen, dass seine Eltern es nicht auf die Reihe bekämen? Mitunter steht Harald Leber „auch mal am Eingang. Wenn einer zu spät kommt, wird er von mir mit Handschlag begrüßt.“ So etwas wirke oft, aber eben nicht immer.

Eine Reihe von Sanktionsmöglichkeiten hat Leber, aber er will sie „wohldosiert“ verwenden. Schulverweise, die in letzter Konsequenz für gravierende Vergehen drohen, sind in der Neckarstadt-West äußerst selten – einer oder zwei im Jahr vielleicht. Und solche drastischen Maßnahmen sollten nach Ansicht von Leber auch nur in drastischen Fällen greifen – etwa bei brutaler Gewalt.

So ähnlich sich die beiden Schulen in Mannheim und Dortmund sind – in einem unterscheiden sie sich. In der Hafenschule Dortmund sind fünf Sozialarbeiter im Einsatz, Leber hat in der Neckarstadt-West dagegen nur eine Dreiviertelstelle zur Verfügung. Das macht ihn schon ein wenig neidisch: „Hätte ich fünf Sozialarbeiter, würde ich garantiert nicht daran denken, meine Schule zuzuschließen.“