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Erst Koka-Bauer, jetzt Staatschef

Archivartikel

Ausgerechnet ein selbst ernannter Revolutionär sorgt in Bolivien für Beständigkeit. Wenn Präsident Evo Morales (Bild) 2020 seine dritte Amtszeit beendet, wird er mit 14 Dienstjahren der Staatschef mit der längsten Regierungszeit der Geschichte des südamerikanischen Landes sein. Vor ihm gab es in Bolivien in einem Jahrhundert 60 Regierungen, oft zog das Militär die Fäden.

Der frühere Tagelöhner und Koka-Bauer pflegt eine revolutionäre Rhetorik und wettert gern gegen Imperialismus und Kapitalismus. Tatsächlich ist Morales allerdings ein Pragmatiker, der zu Kompromissen bereit ist. So räumte der erste Indio-Präsident des Landes dem reichen Departement Santa Cruz Autonomie ein, um der dort einst starken Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Seit 2006 Stabilität

Rückenwind bekommt der linke Staatschef von einem kräftigen Wirtschaftswachstum. Seit seinem Amtsantritt 2006 legt die Konjunktur in dem einstigen Armenhaus Südamerikas durchschnittlich um fünf Prozent pro Jahr zu. Die verstaatlichten Gas- und Erdölvorkommen spülen Devisen in die Staatskassen und halfen Morales dabei, die extreme Armut deutlich zu senken.

Der Sohn armer Aymara-Landarbeiter weiß, was es heißt, am Rande der Gesellschaft zu stehen. Vier seiner sechs Geschwister starben während der Kindheit. Als Sechsjähriger arbeitete er mit seinem Vater bei der Zuckerrohrernte in Nordargentinien. Später schlug sich Morales als Bergmann, Ziegelträger, Bäcker und Trompeter durch, bevor er 1981 seine politische Karriere in der Gewerkschaft der Koka-Bauern im tropischen Chapare-Gebiet startete.

Nach dem Ende seiner politischen Laufbahn will Morales wieder ein einfaches Leben führen: Er werde ein Restaurant eröffnen und die Bürgermeister von Cochabamba und Yacuiba als Grillmeister einstellen, sagte er der Zeitung „El Deber“. Er selbst wolle den Kellner geben. dpa