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Asien Unklare Positionen, hohe Erwartungen – und der US-Präsident will schon in der ersten Minute entscheiden, ob die Verhandlungen ernst gemeint sind

Es hängt viel von der Persönlichkeit der Staatschefs ab

Die Unberechenbaren treffen sich heute in Singapur – und der Verlauf des Gipfels zwischen Donald Trump und Kim Jong Un wird die Zukunft zumindest des pazifischen Raumes prägen.

Noch nie hat sich ein Machthaber Nordkoreas so weit von seinem Heimatland wegbewegt wie Kim Jong Un. Der Diktator aus Pjöngjang kam bereits am Sonntag mit einem Jumbo-Jet nach Singapur, den ihm für diese Reise die Chinesen geliehen hatten. Mit ihm kam auch eine Iljuschin, eine Maschine russischer Bauart, die Lebensmittel, Luxusautos und Dinge des täglichen Bedarfs brachte – offenbar traut dieser dem Essen nicht so ganz, das in der Gastgeberstadt seines Treffens mit US-Präsident Donald Trump serviert wird.

Der Führer Nordkoreas zeigt derzeit eine bemerkenswerte Bereitschaft, sein Land zu öffnen. Kim Jong Un geht mit weitreichenden Angeboten in das Treffen heute mit Präsident Trump.

Kim Jong Un hat sich zu atomarer Abrüstung bereiterklärt – und stellt damit diejenige Errungenschaft seines Landes infrage, um die er am härtesten gekämpft hat. Schließlich hat er die nordkoreanische Wirtschaft maximal ausgequetscht, um Ressourcen für sein ambitioniertes Atomprogramm zusammenzukratzen. Zur Strafe musste er dafür Sanktionen der Weltgemeinschaft erdulden.

Nun soll er die Atombombe Trump gegenüber einfach so wieder aufgeben? Schwer vorstellbar. Daher ist völlig offen, was heute passiert. Über die Verhandlungspositionen ist erschreckend wenig bekannt. Trump hat sich geweigert, den Gipfel gründlich vorzubereiten. Und Nordkorea-Diplomatie war schon immer schwierig. Für Kim handelt es sich erst um das zweite Gipfeltreffen außerhalb Koreas. Es hängt also ungewöhnlich viel von den Persönlichkeiten der beiden Staatsführer ab.

Das bereitet den am meisten betroffenen Ländern erhebliche Sorge. Südkoreas Präsident Moon Jae In musste vor anderthalb Wochen bereits Feuerwehr spielen, als Kim erst gegen die US-Amerikaner stänkerte und Trump den Gipfel daraufhin gleich komplett absagte. Es gelang Moon jedoch, die launischen Kontrahenten wieder zusammenzubringen.

Japan wiederum fürchtet, von Trump bei den Verhandlungen vergessen zu werden. Premier Shinzo Abe ist vergangene Woche eigens in Washington vorbeigeflogen, um ihn an die Interessen des langjährigen Bündnispartners zu erinnern.

Es wäre für Trump verführerisch, zu einem Abschluss mit Kim zu kommen, der erst einmal gut klingt, die Gefahr für die Region jedoch nicht entschärft. Kim könnte beispielsweise anbieten, seine neu entwickelten Langstreckenraketen zu verschrotten. Das hört sich erst einmal gut an, aber Japan liegt bequem in Reichweite von Mittelstreckenraketen. Diese, so Abe, müssten ebenfalls weg, bevor mit den Nordkoreanern ein zivilisierter Dialog möglich sei.

Auch „atomare Abrüstung“ klingt gut, doch bisher stellen sich Trump und Kim unterschiedliche Dinge darunter vor. Die USA fordern eine sofortige, unumkehrbare Zerstörung aller Bomben und Anlagen, die zu ihrer Herstellung dienen.

Nordkorea denkt eher an einen langsamen Prozess, der die nukleare Abschreckung noch lange aufrechterhält.

Auf diese Unterschiede in der Interpretation angesprochen, sagte Trump (71) zuletzt, er werde sofort erkennen, ob Kim sein Angebot ernst meint. „In der ersten Minute werde ich es wissen“, sagte er US-Berichten zufolge. „Mein Gespür, mein Gefühl werden es mir sagen.“

Kim wiederum ließ sich in Singapur nach der Begrüßung durch den Außenminister ins Hotel St. Regis fahren, begleitet von einer Eskorte der örtlichen Polizei. Leibwächter umringten Kims Wagen im Laufschritt und warfen finstere Blicke in alle Richtungen. Er selbst blieb versteckt hinter getönten Scheiben – und hat bisher nichts über seine Strategie bekanntgegeben.

Trump mag über Kim spotten, doch dieser hat sich in den vergangenen Monaten als geschickter Verhandlungspartner erwiesen. Der junge nordkoreanische Machthaber ist entschlossen, als Sieger wieder aus Singapur abzureisen. Das bedeutet konkret: eine Aufhebung von Sanktionen und eine Einbindung seines Landes an den Welthandel plus Investitionen und Wirtschaftshilfe. Vielleicht fliegt er dann künftig regelmäßig an Orte wie Singapur.

Info: Video unter morgenweb.de/politik

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