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Religion Mindestens 1670 katholische Priester, Diakone und Ordensleute haben zwischen 1946 und 2014 mehr als 3670 meist männliche Minderjährige missbraucht / Drängen auf grundlegende Reformen

„Es ist nur die Spitze des Eisberges“

Archivartikel

Die Missbrauchsstudie der katholischen Bischöfe hat Erschütterndes ans Licht gebracht. Experten fordern neue Strukturen für die Kirche. Das bedeutet zum Beispiel die Abschaffung des Zölibats.

Kardinäle im Büßerhemd: „Erschüttert und erschrocken“ sei er über die Ergebnisse der Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx. Kirchliche Amtsträger müssten jetzt verstärkt auf „die dunklen Seiten“ ihres Lebens und „des Lebens der ganzen Kirche“ schauen. Der Kölner Erzbischof Rainer Woelki bezeichnete die Erkenntnisse kürzlich im Domradio als „schrecklich“, er sei „persönlich zutiefst getroffen, ich schäme mich an dieser Stelle für meine Kirche“.

Tatsächlich ist die gestern in Fulda vorgestellte Studie der Bischofskonferenz bemerkenswert. Sie beziffert Taten und benennt Gründe – in ungekannter Deutlichkeit und auf wissenschaftlicher Basis. Die Kirche wollte sich mit dieser vor mehr als vier Jahren in Auftrag gegebenen Studie Klarheit über das Ausmaß des Missbrauchs verschaffen.

Zwischen den Jahren 1946 und 2014 sollen mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben. In Kirchenakten habe man Hinweise auf den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen bei 4,4 Prozent aller Kleriker gefunden, die in diesem Zeitraum tätig gewesen seien und über die Akten vorgelegen hätten, sagt der Leiter der Studie, Harald Dreßing. Und er betont: Die Missbrauchsthematik sei keineswegs überwunden – das Risiko bestehe angesichts der Machtstrukturen der Kirche fort. Dreßing ist Leiter der Forensischen Psychiatrie am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI). Er koordinierte den Forschungsverbund, an dem unter anderem auch die Institute für Kriminologie und Gerontologie der Universität Heidelberg beteiligt waren.

Frühere Schätzungen übertroffen

„Die hohen Zahlen von Beschuldigten und Betroffenen schockieren ebenso wie das unfassbare Ausmaß der Nichtachtung gegenüber den Opfern und des Verschweigens und Vertuschens“, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer der Deutschen Presse-Agentur. Kirchenkenner Andreas Püttmann („Gesellschaft ohne Gott“) reagiert mit den Worten: „Dass 4,4 Prozent der Kleriker seit 1946 durch sexuellen Missbrauch aktenkundig wurden, übertrifft frühere Annahmen und erschreckt. Besonders verstörend finde ich den Befund der geringen Reue unter den Tätern.“

Es ist mittlerweile acht Jahre her, seit der Jesuitenpater Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs nicht nur an seiner Schule, sondern auch in zahllosen anderen katholischen Einrichtungen bundesweit anstieß. Seitdem hat die Kirche bei der Aufklärung und Prävention ohne Zweifel Fortschritte gemacht.

So müssen beispielsweise alle ehren- wie hauptamtlich Tätigen in der Kinder- und Jugendarbeit entsprechende Kurse durchlaufen. Viele katholische Gemeindemitglieder an der Basis empfinden das als Zumutung. „Man will sich in seiner Freizeit engagieren, und zum Dank wird man wie ein potenzieller Sexualstraftäter behandelt“, heißt es dann. Die Kirche nimmt hier Widerstand in Kauf. „Keine andere gesellschaftlich relevante Organisation – wie zum Beispiel die großen Sportverbände – kann hier auch nur ansatzweise mithalten“, lobt der Kirchenrechtler und Theologie-Professor Thomas Schüller.

Positive Entwicklungen

Zudem schalteten die Bistümer bei einem begründeten Anfangsverdacht nunmehr frühzeitig Polizei und Staatsanwaltschaft ein. Es hat sich also manches geändert – aber lange nicht alles. Die ausgeprägte klerikale Macht, die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat), ein innerkirchlich „problematischer Umgang“ mit dem Thema Sexualität und vor allem mit der Homosexualität – das alles sind aus Sicht der Wissenschaftlicher entscheidende Gründe dafür, dass die katholische Kirche so anfällig ist für Missbrauchstäter in ihren Reihen.

Mangelnde Transparenz verhindere eine grundlegende Aufarbeitung, meint Kriminologe Pfeiffer. „Man erschöpft sich jetzt in großen Bekundungen der Betroffenheit und der Scham. Aber das reicht nicht. Vertrauen ist das große Kapital jeder Kirche.“

Kritik zurückgewiesen

Noch vor Veröffentlichung der Studie übte Pfeiffer scharfe Kritik daran, dass Forscher keinen direkten Zugang zu den Akten gehabt hätten, sondern diese von den Bistümern bereitgestellt worden seien. „Es war von vornherein klar, dass wir aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht in die Archive der Diözesen blicken können“, sagt Dreßing. Im untersuchten Zeitraum seien Akten manipuliert oder vernichtet worden. „Das wussten wir“, sagt Dreßing. Aber jenes Material, das letztlich zur Verfügung stand, sei umfangreich gewesen. Dazu habe man versucht, andere, unabhängige Quellen zu erschließen. Akten zu Strafverfahren von Staatsanwaltschaften zum Beispiel oder auch Aussagen von Betroffenen, die man anonym befragt habe. „Das Ergebnis ist sicherlich kein Gesamtbild, es ist nur die Spitze des Eisberges“, sagt der Forschungsleiter.

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