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Solidarität In Mannheim läuten heute um 12 Uhr katholische Kirchen ihre Glocken / Stadtdekan Karl Jung will Spenden für den Wiederaufbau sammeln

Fassungslos, geschockt, ohnmächtig, traurig

Mannheim.Vor 20 Jahren besuchte Diego Oscar Elola zum ersten Mal die Kathedrale von Notre-Dame. Eine Woche war der damals 19-Jährige in Paris unterwegs, seine erste Reise „alleine und in Europa“, erzählt er. Elola bewunderte die Reliquien, besuchte einen Gottesdienst, hörte zu, wie jemand Orgel spielte – und dachte zum ersten Mal darüber nach, ins Priesterseminar zu gehen. Heute ist er katholischer Pfarrer in Mannheim und Leiter der spanischsprachigen Gemeinde, doch er schwärmt noch immer von „Geschichte, Glaube, Kunst und Emotion“ der Kathedrale. „Notre-Dame war schon immer in meinem Herzen eingeschlossen.“

Während Elola in den sozialen Medien vom Brand der Notre-Dame erfuhr, erhielt die erste Dombaumeisterin von Speyer Hedwig Drabik am Montagabend eine Nachricht von ihrer Schwester. „Ich konnte es anfangs gar nicht fassen. Der lichterloh brennende Dachstuhl und der Turmeinsturz – da ging ja ein richtiger Aufschrei durch die Menge“, erzählt sie. Die Kathedrale sei für sie, und für die Menschen in Frankreich, ein Ort von großer, nationaler Symbolkraft.

Reliquien-Rettungsplan für Speyer

In den meisten katholischen Kirchen Mannheims werden heute um 12 Uhr die Glocken läuten. „Wir wollen ein Zeichen der Trauer und der Solidarität setzen,“ sagt Stadtdekan Karl Jung. Die Kollekte am Gründonnerstag in der Jesuitenkirche werde für den Wiederaufbau der Kathedrale gespendet. Auch Jung hat eine besondere Beziehung zu Notre-Dame. Während seiner Sabbat- und Studienzeit 2018 sei er oft dort gewesen, zwei Mal habe er mit dem Erzbischof die Eucharistie gefeiert. Er assistierte dabei, als die dort als Reliquie aufbewahrte Dornenkrone Jesu enthüllt und Gläubigen gezeigt wurde. Umso erleichterter sei er, dass sie gerettet werden konnte. „Doch der Brand ist schrecklich, ich saß wie versteinert vor dem Fernseher, fassungslos, geschockt, ohnmächtig, traurig.“

Was den Schutz der Reliquien angeht, erklärt Drabik, gebe es im Speyerer Dom eine genaue Vorgabe: „Für die liturgischen Gegenstände, die Gewänder und die Kunstgegenstände haben wir eine Liste mit Angaben zur Reihenfolge der Rettung und den unterschiedlichen Aufbewahrungsorten.“

Während die Brandursache in Paris weiterhin unklar bleibt, ist sich Dombaumeisterin Drabik sicher: In Notre-Dame habe man sich nach bestem Wissen um den Brandschutz gekümmert. „Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben.“

Wie geht es nun weiter? Als erster Schritt müssten die Schäden erfasst werden, erst danach könne man einen Wiederaufbau planen und den Zeitplan erstellen. „Es wird sicher mehrere Jahre und Jahrzehnte andauern, bis der letzte Brandschaden behoben ist. Wir am Kölner Dom reparieren immer noch Kriegsschäden aus dem Zweiten Weltkrieg, also weit über 70 Jahre nach Kriegsende“, sagte der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich gestern im Radiosender SWR Aktuell. Laut Drabik werde das Ziel in Paris sein, die zerstörte Bausubstanz denkmalgerecht und in historischer Technik wiederherzustellen.

„Ich sehe, dass durch den Wiederaufbau von Notre-Dame sich die Gelegenheit eines Erwachens des Glaubens für Europa, Frankreich und Paris bietet“, sagt Elola. Die Katastrophe des Feuers dürfe nicht nur Verlust sein, sondern könne zu einem Gewinn werden. (mit pwr)