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Afrika Die islamistische Shabaab-Miliz ist eine Art Mafia geworden / Regierung setzt auf Zeugenschutz-Programme und will damit die Terroristen schwächen

Glaube, Gewalt und Geschäft

Ein Doppelanschlag mit zwei Autobomben und zwölf Todesopfern wie gerade erst am Wochenende – immer wieder erschüttern solche Terroranschläge Somalia. Oft geht es nicht um Religion, sondern um kriminelle Machenschaften.

Hussein trägt eine gelbe Häkelkappe, ein altes Hemd und eine alte Hose. Sein rundes Gesicht wirkt offen und freundlich, sein Auftreten großväterlich. Kaum vorstellbar, dass ein Anruf dieses Mannes genügte, um ein Killerkommando in Bewegung zu setzen: ein Team der gefürchteten Amniyat-Einheit der somalischen Terrormiliz Al-Shabaab. Die Spezialeinheit Amniyat ist für Morde und Anschläge zuständig und für ihre Grausamkeit bekannt.

„Damals war ich von den Zielen der Shabaab-Miliz zutiefst überzeugt“, sagt Hussein heute. „Deshalb fand ich die brutalen Morde unserer Spezialkommandos richtig.“ Hussein sagt das ganz ruhig und deutet dabei ein freundliches, etwas verlegenes Lächeln an. „Diese Morde festigten unsere Macht, weil sie die Angst der Bevölkerung vor uns stärkten.“ Kaum zwei Jahre ist es her, dass er die Killer von der Kette lassen konnte. „Meist reichte schon eine Drohung der ,Amniyat‘, damit die Leute machten, was ich von ihnen verlangte.“

Was Hussein verlangte, war Geld. Sechs Jahre lang war er Finanzdirektor der Terrormiliz in seiner Heimatregion Lower Shebelle südlich der Hauptstadt Mogadischu. Angeschlossen habe er sich der Terrorgruppe ursprünglich, weil er Gerechtigkeit gesucht habe. „Aber im Laufe der Zeit wurde ich immer häufiger Zeuge davon, dass die Islamisten ungerecht handelten.“ So hätten sie viele Menschen auf einen bloßen Verdacht hin getötet. Zum Beispiel, weil jemand angeblich für die somalische Regierung gearbeitet habe – als Spion oder auch in einer anderen Funktion. „Im Grunde haben sie oft einfach nur so getötet.“

Mehr als 500 Menschen starben allein bei dem bisher verheerendsten Anschlag der Terrorgruppe Mitte Oktober vergangenen Jahres, bei der Attacke durch einen Lkw voller Sprengstoff wurden Hunderte weitere verletzt. Die Vereinten Nationen haben versucht, die Gesamtanzahl der Shabaab-Opfer zu erheben. Zwischen dem 1. Januar 2016 und dem 14. Oktober 2017 wurden allein bei Attentaten der Terrorgruppe etwa 1200 Zivilisten getötet. Hinzu kommen die Opfer von gezielten Morden.

Glaubt man ihm, stieg Hussein wegen der vielen unschuldigen Toten vor zwei Jahren aus. Am Ende, sagt er, sei er enttäuscht gewesen von dem wahren Gesicht der Islamisten. Jetzt fürchtet er die Rache seiner ehemaligen Waffenbrüder, die ihn als Verräter verfolgen. Deshalb will er seinen wahren Namen nicht öffentlich machen und verbietet eine Aufnahme, er heißt eigentlich anders als Hussein.

Seit seiner Flucht lebt er auf dem Gebiet der somalischen Regierung, mit der er ein Abkommen hat: Informationen über Mitglieder und Strategien der Miliz gegen Straffreiheit. Jetzt berichtet er bereitwillig, wie das System funktionierte, das er erst am Leben hielt und dann hinter sich ließ.

„Die Shabaab-Miliz sammelt Steuern von den Geschäftsleuten“, erklärt der ehemalige Finanzdirektor. „Am meisten Geld kommt natürlich aus Mogadischu, wir fordern von allen großen Unternehmen Geld.“ Es dient der Finanzierung der Miliz. „Wer nicht zahlen wollte, wurde bedroht.“ Weil jeder die Konsequenzen kannte, zahlten alle.“ Das sei bis heute so, sagt Hussein. Seinen Worten zufolge haben die Anschläge nicht nur ideologische Gründe, sondern wirtschaftliche: Es seien Sanktionen gegen die, die der Terrorgruppe die Zahlung von Schutzgeld, auch Steuern genannt, verweigern. So sammele die Miliz riesige Summen. Weil er für Mogadischu nicht zuständig war, kann Hussein nur schätzen, was in der Hauptstadt zusammenkommt: zwischen fünf und 15 Millionen Dollar im Monat, meint er.

Aus seinen Schilderungen ergibt sich das Bild einer sehr gut funktionierenden und ziemlich effizienten Organisation – ganz im Unterschied zum somalischen Staat. Und von einer Gesellschaft, in der immer noch die Angst regiert – auch in der Hauptstadt Mogadischu, obwohl die doch eigentlich von der Regierung kontrolliert wird.

Selbst ein militärischer Sieg würde die Bedrohung nur zum geringeren Teil beenden. Denn die Shabaab-Miliz ist längst eine Art Mafia-Organisation, sie hat die somalische Gesellschaft durchdrungen und bestimmt ihre Gesetze. Ihre wahre Macht fußt auf der Verbindung zwischen Selbstmordattentätern und einem engmaschigen Netz von Informanten. Schlimmer noch: Die Shabaab-Miliz lässt sich mittlerweile von Geschäftsleuten anheuern, um deren Konkurrenten zum Schweigen zu bringen.

„Sie ist bereit, für Geld alles zu tun“, behauptet Hussein. Wenn die Milizionäre den Auftrag kriegen, jemanden zum Schweigen zu bringen, müssen sie laut Hussein bis heute dafür oft noch nicht einmal töten. Meist reiche ein Anruf mit einer unmissverständlichen Drohung. Und die Auftraggeber seien zufrieden: Ihr Konkurrent ist aus dem Weg geräumt, ohne dass er getötet wurde.

„Das ist möglich, ich gebe Ihnen recht“, bestätigt sogar Abdulaziz Ali Ibrahim, Sprecher des somalischen Innenministeriums. „In der Tat ist die Shabaab-Miliz nicht unser einziges Problem.“ Sondern unter anderem auch die Frage, wer tatsächlich hinter den Morden und Anschlägen steckt, die beispielsweise Restaurantbesitzer, Hotelbetreiber und andere Geschäftsleute treffen. „Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns“, räumt die Regierung ein.