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Klimaschutz Neuntklässlerin aus Schweden ist Demonstranten in ganz Europa ein Vorbild / Meteorologe Sven Plöger befürwortet Initiativen zu mehr Umweltbewusstsein

Greta Thunbergs Protest inspiriert und polarisiert

Mit eindringlichen Worten für mehr Klimaschutz ist Greta Thunberg in kürzester Zeit fast in der ganzen Welt bekannt geworden. Tausende Schüler in Deutschland und anderswo folgen ihrem Protest. Außer viel Applaus erhält die 16-Jährige auch Kritik, sie lasse sich politisch instrumentalisieren, und Hasskommentare.

Es ist kalt an diesem Morgen. Minus ein Grad zeigt das Thermometer. Greta Thunberg trägt eine pinke Skihose, ihre violette Winterjacke, dazu zwei Mützen, Handschuhe und Schal. Bei Kälte helfen mehrere Lagen Kleidung, das lernt man so in Schweden, sagt die 16-Jährige. Neben ihrem Rucksack und einer Thermoskanne mit Tee lehnt ein Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ im Schnee – „Schulstreik fürs Klima“.

Seit Greta Thunberg im August 2018 mit dem Demonstrieren begonnen hat, ist dieses Schild so berühmt geworden wie sie selbst. Ihr Kampf für stärkere Anstrengungen gegen den Klimawandel hat die Schwedin bekannt gemacht. Sie fuhr zur Klimakonferenz nach Kattowitz und zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, wo sie vor Toppolitikern und Topmanagern einen zu lahmen Einsatz fürs Klima geißelte. „Ich will, dass ihr in Panik geratet“, sagte sie. „Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es.“

Mädchen mit leiser Stimme

Thunberg ist Nachfahrin des Chemienobelpreisträgers Svante Arrhenius, der einst eine globale Erderwärmung durch einen steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre voraussagte. Rund ein Jahrhundert später hörte Thunberg im Alter von acht Jahren erstmals vom Klimawandel. Mit elf machte sie sich große Sorgen. Sie bekam Depressionen, hörte zeitweise auf zu sprechen und zu essen. Mit 15 begann sie mit ihrem Protest. Anstatt zur Schule ging sie mit ihrem Schild vor den Reichstag in Stockholm, um die Politik zum Handeln aufzufordern – so lange, sagt sie, bis Schweden seine Bekenntnisse zum Pariser Weltklimaabkommen einhalte. „Das kann Jahre dauern, das kann auch länger dauern.“ Angefangen hat sie allein. Heute folgen ihrem Beispiel Abertausende Schüler in aller Welt, in Berlin, Brüssel, Dublin, aber auch in Mannheim und Heidelberg oder irgendwo in Kanada.

„Das ist ganz schön groß geworden. Das überrascht mich“, sagt die Neuntklässlerin der Deutschen Presse-Agentur in Stockholm. Als Vorbild betrachtet sie sich trotzdem nicht, nicht einmal als sonderlich stark. „Ich bin nicht so, wie die Leute denken“, sagt sie mit leiser Stimme. „Ich bin ziemlich ruhig. Privat spreche ich so gut wie gar nicht. Ich bin sehr empfindsam.“

Menschheit in Gefahr

Als Mädchen mit leiser Stimme, aber klarer Botschaft ist Thunberg zu einer Art Weltstar des Klimaschutzes geworden. In Schweden sprechen sie, auch wegen ihrer Zöpfe, von der „Pippi Langstrumpf des Klimas“. Sie verkörpert in vielem das Ideal eines klimabewussten Menschen: Ernährt sich vegan, ist noch nicht geflogen und hat ihre Eltern dazu gebracht, ebenfalls nicht mehr in den Flieger zu steigen. Da ihre Mutter Malena Ernman eine bekannte Opernsängerin ist, ist diese Einschränkung für die Familie nicht immer leicht. Thunberg protestiert freitags jeweils von 8 bis 15 Uhr.

Dass der Schulunterricht dafür ausfallen muss, sehen ihre Eltern kritisch. „Sie mögen nicht, dass ich nicht zur Schule gehe. Aber sie stehen hinter meiner Botschaft und wissen, dass ich das für eine gute Sache tue“, sagt die Schülerin. Ihre Hauptkritik richtet sich gegen die aus ihrer Sicht mangelhaften Klimabemühungen der Politik und Großkonzerne. Es werde zu viel geredet und zu wenig gehandelt, sagt sie.

Fakt ist: Der Klimawandel ist echt, auch wenn ihn eine kleiner werdende Minderheit leugnet. 97 Prozent der Fachwissenschaftler sind sich einig, dass der Mensch verantwortlich ist für die globale Erwärmung. Viele sprechen von der größten Gefahr der Menschheitsgeschichte. „Wir sind in einem wirklich kritischen Zustand beim Klima, das muss man ganz klar sagen“, formuliert etwa der Meteorologe und Moderator Sven Plöger. Zu spät zum Handeln, ergänzt er, sei es noch nicht. Die Pariser Vorgaben könne man noch einhalten. „Zwischen zehn und 20 Jahre Zeit haben wir noch, um die Ziele, die wir uns selbst gesteckt haben, zu erreichen. Aber genau in den Jahren müssen wir all diese Dinge auch tun.“ Das gelte für Konzerne, Länder und jeden Einzelnen. „Das sagt ja auch Greta: Wir reden über ganz viel und handeln nicht. ,Nicht’ würde ich vielleicht nicht unbedingt sagen, aber wir machen eben viel zu wenig.“

Gegner machen online mobil

Nicht nur Plöger lobt Thunberg. Stefan Rahmstorf, einer der führenden Klimaforscher, sagt, Thunberg habe klarer als die meisten erkannt, was die globale Erwärmung für die Zukunft ihrer Generation bedeute. „Greta Thunberg inspiriert mit ihrer Aktion eine ganze Generation von Schülern und hat eine weltweite Schülerbewegung für Klimaschutz ausgelöst. Wenn die jungen Menschen Durchhaltevermögen zeigen und die Bewegung weiter wächst, dann kann sie tatsächlich in der Politik etwas zum Besseren verändern.“

Thunbergs Gegner laufen online Sturm gegen sie. In Hasskommentaren wird sie als „lächerliche kleine Witzfigur“ oder Schlimmeres bezeichnet. Manche machen sich über ihre psychische Erkrankung lustig. Zu Gretas Geschichte gehören auch Vorwürfe – oft aus dem rechten Lager, ein PR-Berater habe sie, die Minderjährige mit dem Asperger-Syndrom, für seine Sache vor den Karren gespannt. Dem schiebt Gretas Vater Svante Thunberg einen Riegel vor: „Hinter Greta steht niemand anderes als Greta selbst“, sagt er.

Aktivistin gelassen

Greta Thunberg scheint der Hass im Netz kalt zu lassen: „Unabhängig, was man macht und wie viel man richtig machen will, gibt es Leute, die Sachen erfinden. Das spielt im Grunde aber keine Rolle.“ Es sei positiv, dass sie und andere Klimaschützer diese Menschen so sauer machten. „Das bedeutet, dass etwas passiert ist, dass sie uns als Gefahr betrachten.“