Welt und Wissen

Wiedervereinigung Neuen Studien zufolge gleichen sich die Lebensbedingungen in Ost und West zunehmend an – und doch bestehen noch spürbare Unterschiede

Heidelberg und Suhl – die zwei Gesichter Deutschlands

Archivartikel

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Deutschlands Städte mit der aktuell jüngsten und ältesten Bevölkerung haben nur wenig gemein. Eine Gegenüberstellung illustriert auch ein Stück deutsche Geschichte.

Auch 28 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es große Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands. Das zeigt nicht nur der aktuelle Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit. Die Kluft wird auch verdeutlicht durch einen Blick auf zwei Städte, die wegen der Altersstruktur ihrer Bewohner die Demografen ganz besonders beschäftigen: das junge Heidelberg und das alte Suhl. Ein deutsch-deutscher Alltagsvergleich.

Heidelberg hat zwar die älteste Universität Deutschlands, aber die jüngste Bevölkerung. Im Vergleich aller Stadt- und Landkreise sind die Heidelberger nach Angaben des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBSR), gestützt auf Daten aus dem Jahr 2016, 39,7 Jahre alt. Ein Rekordwert unter den bundesweit verglichenen 401 Stadt- und Landkreisen auf Basis der amtlichen Statistik und eigener Berechnungen der Stadt. In Heidelberg ist jeder vierte Einwohner zwischen 18 und 29 Jahre alt. Die über 65-Jährigen stellen dort einen Anteil von gut 16 Prozent.

Neues Stadtviertel

Mitten im Thüringer Wald liegt Suhl, eine Stadt, deren Entwicklung kaum gegensätzlicher sein könnte. Regelmäßig taucht diese in Tabellen als Stadt mit der ältesten Bevölkerung deutschlandweit auf. Auch in der BBSR-Auswertung für 2016 waren die Suhler mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren die Ältesten. Im vergangenen Juni lag der Wert bei den gut 35 000 Einwohnern mit Hauptwohnsitz nach städtischen Angaben sogar bei 50,75 Jahren. Fast 29 Prozent der Bewohner waren älter als 65, rund 16 Prozent zwischen 19 und 35 Jahre alt.

Zum deutlich niedrigeren Altersschnitt in Heidelberg trägt etwa Tobias Gäckle-Brauchler bei. Der 27-Jährige spaziert mit seinem Sohn im Kinderwagen und mit Hund durch ein neues Stadtviertel. Seit einem Jahr leben der Medienpädagoge und seine Frau – eine angehende Lehrerin – in der Bahnstadt auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. „Wir leben hier, weil der Stadtteil kinderfreundlich ist“, sagt er.

Die Bahnstadt trägt zum Wachstum Heidelbergs mit derzeit rund 160 000 Einwohnern bei. Das sind 12 000 Einwohner mehr als im Jahr 2011 – ein Zuwachs von gut acht Prozent, während die Einwohnerzahl im gesamten Südwesten nur um knapp fünf Prozent zunahm. Bis 2020 werden nach Prognosen weitere 9000 Menschen hinzukommen. In der Bahnstadt – gemäß Angaben die weltweit größte Passivhaussiedlung – sollen einmal bis zu 6800 Menschen leben und fast ebensoviele arbeiten.

Verblasster Glanz

In Suhl-Nord dagegen soll ein ganzes Satellitenwohngebiet verschwinden. „Knapp 15 000 Menschen haben hier einmal gelebt“, erklärt Rüdiger Müller beim Spaziergang durch das Viertel mit Abrissbaustellen und nur noch wenigen bewohnten DDR-Hochhäusern.

Müller ist 78 Jahre alt. Der Vorsitzende des Suhler Seniorenbeirats kann sich noch gut an die Zeiten erinnern, als mehrere Tausend Menschen im volkseigenen Fahrzeug- und Gerätewerk beliebte Mopeds wie die „Schwalbe“ und später die „Simson“ bauten. Der sprichwörtliche Glanz von damals ist heute noch im Fahrzeugmuseum zu sehen.

Als einstige DDR-Bezirksstadt mit bis zu 57 000 Einwohnern schrumpft Suhl seit der Wende. Mehrere Tausend Arbeitsplätze fielen weg. „Viele junge Leute wanderten ab, um Arbeit zu finden“, sagt Müller. Gerade im benachbarten Bayern sei der Markt für viele attraktiver gewesen. Auch seine Tochter habe in der weiten Welt Karriere gemacht.

Nach Heidelberg zieht es dagegen Menschen aus aller Welt. Über ein Drittel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund. Dabei dürfte die Kommune am Neckar eine der wenigen Städte sein, in der der Anteil der Einwohner mit hohem Einkommen unter Ausländern höher ist als unter Deutschen. Grund ist die Vielzahl der vielen internationalen Spitzenkräfte.

Neben der Universität mit dem Klinikum als größtem Arbeitgeber wirken auch das Deutsche Krebsforschungszentrum, das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie und vier Max-Planck-Institute als Magneten. Die Akademikerquote beträgt rund 35 Prozent – fast das Dreifache des Bundesdurchschnitts. 39 000 Studierende sind in Heidelberg eingeschrieben.

Arbeitslos nach dem Studium

Keine Hochschulen, sondern vor allem eine Erstaufnahmestelle für Geflüchtete macht die Bevölkerung Suhls zumindest auf dem Papier internationaler. Im Gesundheitsbereich aber könne sich die Kommune sehen lassen, sagt der Seniorenbeiratsvorsitzende Müller. Ausgerechnet das SRH-Zentralklinikum Suhl – in Trägerschaft der Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) – ist nach eigenen Angaben nicht nur das größte Krankenhaus Südthüringens, sondern mit mehr als 1100 Mitarbeitern auch einer der größten Arbeitgeber der Region.

Auch das Gefängnis Suhl-Goldlauter biete gute Arbeitsplätze, sagt Müller. „Und dann kommen noch die Stellen in den Pflegeeinrichtungen und Seniorenzentren dazu.“ Der demografische Wandel müsse auch als Chance begriffen werden, ist Müller überzeugt. „Das schafft Arbeitsplätze – auch für junge Familien.“ Und tatsächlich schneidet Suhl bei dem Thema nicht schlecht ab: Rund 9700 Männer und Frauen waren im August ohne Job, eine Arbeitslosenquote von vier Prozent – landesweit lag diese bei 5,4 Prozent.

Hohe Mieten als Problem

Das sieht in Heidelberg anders aus: Die Arbeitslosenquote lag dort im August bei 4,2 Prozent – fast einen Punkt höher als im baden-württembergischen Schnitt (3,3 Prozent). Ein Grund ist das Verschwinden produzierenden Gewerbes. Zudem melden sich nach weiteren Angaben der Arbeitsagentur viele junge Leute nach dem Studium erst einmal arbeitslos. Ähnliches gilt für Doktoranden mit Zeitverträgen.

Und wie andere Städte leiden die Heidelberger unter hohen Mieten. Auch für Familie Gäckle-Brauchler wäre ein Domizil in der Bahnstadt unerschwinglich, wenn die Stadt nicht jungen Familien mit geringem Einkommen Wohnraum besonders günstig anböte. „Ohne das könnten wir hier nicht wohnen“, sagt Tobias Gäckle-Brauchler. Mittelfristig will die Familie wieder aufs Land ziehen.

In Suhl seien die Mieten einigermaßen bezahlbar, berichtet Senior Müller. „Gerade viele Rentnerinnen haben im Monat vielleicht 900 Euro übrig, da könnten sie sich keine Miete von 500 Euro leisten.“ Grundsätzlich verfüge die Stadt in Thüringen über eine hohe Lebensqualität. „Es wird viel gemacht und angeboten – für Jung und Alt.“ Müller verweist auf den Tierpark, das Hallenbad oder das Congress Centrum mit seinen Konzerten. „Besonders die Veranstaltungen mit Florian Silbereisen sind da immer gut besucht.“