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Migration Abschiebungen nach Afghanistan – wie Sicherheitsbeamte zu ihren Sondereinsätzen stehen und damit umgehen / Jeder Einsatz ist freiwillig

„Ich versuche immer, Vertrauen zu schaffen“

Archivartikel

Wut, Resignation, Angst – wer abgeschoben wird, durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Polizisten, die solche Flüge begleiten, haben gelernt, die betroffenen Menschen zu beruhigen. Eine Reise nach Kabul und zurück.

Hinter dem schweren blauen Gitter, hinter dem normale Passagiere keinen Zutritt haben, liegt der Ausgangspunkt für eine Reise ohne Vorfreude. Polizeibeamte und Mitarbeiter von Ausländerbehörden haben an diesem schwülen Sommertag 46 Männer zum Flughafen Leipzig-Halle gefahren. Keiner von ihnen wollte diesen Flug nach Afghanistan antreten. Doch die Abschiebungsmaschinerie läuft.

Im letzten Moment gelingt es einem der Afghanen gerade noch, in der selbstgewählten Heimat zu bleiben. Ein bayerischer Richter hat das kurzfristig so festgestellt. Die anderen 45 müssen los – egal, welche Gefühle sie bewegen, ob Wut, Angst, Verzweiflung oder Hoffnung.

Als Erstes müssen sich die Männer auf einen Stuhl setzen, der am Eingang einer kleinen Halle steht. Dort gibt es eine Art Einweisung. Wer auf dem Stuhl sitzt, wird umringt von Polizisten. Die Bundesbeamten tragen gelbe Westen, auf denen „Escort“ zu lesen ist oder „Backup Team“ – Begleitperson oder Unterstützer-Team. Neben ihnen steht ein Übersetzer. Dieser erklärt, was nun folgt: Durchsuchung, warten, dann fährt ein Bus zum Flieger.

Unangenehmes Durchsuchen

Das Durchsuchen ist für alle Beteiligten unangenehm. „Aber ohne geht es nicht“, sagt ein Bundespolizist aus Sachsen. Er hat schon mehr als 3000 Menschen gegen ihren Willen in deren Heimatländer gebracht.

Waffen tragen in der Halle nur die Polizisten aus den Bundesländern, die die Afghanen hergebracht haben. Die 74 Männer und Frauen der Bundespolizei, die mitfliegen nach Kabul, sind unbewaffnet.

In einer zweiten fensterlosen Halle sitzen sie später an schweren Holztischen neben den Ausländern, die sie in den nächsten neun Stunden nicht aus den Augen lassen werden. Wer zur Toilette muss, wird begleitet. Für einen Teil der Männer ist Bewachung nicht ungewohnt: 22 von ihnen waren in Deutschland inhaftiert. Für sie ist dieser unfreiwillige Flug auch ein Trip in die Freiheit.

Einer der ehemaligen Häftlinge war wegen Gewalt mit Todesfolge im sachsen-anhaltischen Köthen verurteilt worden. Damals, im September 2018, war ein 22-jähriger Deutscher an plötzlichem Herztod gestorben. Der Afghane, der Deutschland jetzt verlassen muss, war bei der Tat 17 Jahre alt.

Stille im Flugzeug

Es ist dunkel, als zwei Busse vor die Halle rollen. Eine kurze Fahrt zum Flieger. Dann wieder warten. Je zwei Polizisten haken einen Afghanen rechts und links unter. Einzeln werden die Männer die Flugzeugtreppe hochgeführt. Drinnen in der Maschine warten Flugbegleiterinnen. Zwei Männern haben die Polizisten mit einem schwarzen Gurt die Arme fixiert. „Body Cuff“ nennen sich die Vorrichtungen, die sich locker oder fest anziehen lassen.

Wer sich in der Halle gewehrt hat, wer wiederholt aufstehen und hinausgehen wollte, wird im hinteren Teil der Boeing 767 platziert. „Das sind die Schwererziehbaren“, heißt es im Polizei-Jargon. Einer der Männer auf den hinteren Sitzen hat einen dünnen, ungestutzten Bart. Er soll früher für die Taliban gekämpft haben. Der Bärtige wird einer von drei Abgeschobenen sein, die gleich nach der Ankunft in Kabul am nächsten Morgen niederknien werden, um den Boden zu küssen – als Zeichen ihrer Liebe zum Heimatland.

In der Maschine ist es ruhig. Niemand spricht laut. Nachdem das Flugzeug abgehoben hat, wird es noch stiller. Nur ein Mann trägt noch den Fesselungsgurt. Er ist klein, muskulös, hat die Haare an den Seiten rasiert und in der Mitte mit Gel nach hinten gekämmt. Er redet viel, isst viel, schließlich sinkt sein Kopf auf das Kissen, das ihm eine Stewardess gebracht hat. Viele der Afghanen schlafen jetzt. Einige ziehen sich eine Decke über den Kopf.

Wenn einem der Bundespolizisten mit den gelben Westen die Augen zufallen, kommt jemand aus dem Backup-Team. Für die Polizisten ist dies ein relativ entspannter Flug. Fesseln und Spuckschutz-Hauben, die sie eingepackt haben, kommen nicht zum Einsatz.

Auch für die Ausländerbehörden ist es ein guter Tag. 45 „Rückzuführende“ an Bord sind für sie ein Erfolg. Beim Kabul-Flug Mitte Juni waren von Dutzenden abgelehnten Asylbewerbern, die auf der Liste standen, nur elf eingestiegen. Manchmal kommt auf den letzten Metern ein Gerichtsbeschluss. Oder jemand wird krank. Einer der Hauptgründe für das Nicht-Erscheinen lautet „wurde nicht angetroffen“. Ein strengeres Gesetz soll das ändern.

150 Euro Startgeld

Inzwischen fällt Tageslicht herein. Beklommene Blicke aus dem Fenster. Unten Bergkämme, Hochtäler, rotbraun und kahl. Nach der Landung geht alles ganz schnell. Vier Polizisten ziehen Schutzwesten an. Sie steigen aus, um das Flugzeug zu sichern. Der letzte größere Terroranschlag in der afghanischen Hauptstadt liegt erst wenige Tage zurück. Zügig steigen die Abgeschobenen die Flugzeugtreppe hinunter, begrüßen afghanische Polizisten mit Handschlag.

Dann geht es per Bus zum Terminal. Da eine Glasschiebetür klemmt, werden die Angekommenen durch einen Nebeneingang ins Gebäude gebracht – zur Passkontrolle. Jeder Neuankömmling muss seine Papiere vorzeigen. In einem Nebenraum gibt es Geld, rund 150 Euro von einer UN-Behörde. Das reicht, um einige Tage in einer Unterkunft zu schlafen und zu essen. Was danach kommt, wissen die meisten Ankömmlinge noch nicht.

Im Flugzeug haben die Polizisten die Westen ausgezogen. Einige tauschen das Hemd gegen ein T-Shirt. Die Anspannung ist verflogen. Wo eben noch Konzentration herrschte, dominiert jetzt Müdigkeit. Nach einer Nacht ohne Schlaf setzen viele Kopfhörer auf, hören Musik oder machen sich lang auf den Sitzen.

Stephan, groß, schwer, kurze Haare, kann nicht schlafen. Er sagt: „Ich versuche immer, einen Draht zu demjenigen zu finden, den ich begleite – Vertrauen zu schaffen. Das klappt meistens, aber nicht immer.“ Was er bei Abschiebungen erlebe, belaste ihn nicht sonderlich, sagt er. Viel schlimmer sei es für ihn gewesen, am Düsseldorfer Hauptbahnhof über Jahre den Verfall von zwei drogensüchtigen Mädchen mitzuerleben. Der Rheinländer wird, wenn er zu Hause ankommt, fünf Tage unterwegs gewesen sein. Denn von Kabul geht es zunächst nach Taschkent. In der Hauptstadt Usbekistans wird das Flugzeug betankt. Eine neue Crew kommt an Bord. Dann fliegen die Polizisten nach Tiflis.

Anspannung löst sich

Als sie mit dem Bus durch die georgische Hauptstadt fahren, spricht niemand über die vergangenen Stunden. Es herrscht eine Atmosphäre wie bei einem Betriebsausflug. Ein Polizist zeigt auf dem Handy Fotos vom letzten Urlaub. Endlich mal duschen, Kaffee, ein Glas Bier. Jeder hat andere Prioritäten.

Matthias, 54 und aus Brandenburg, arbeitet regulär am Flughafen. Er hat sich 1992 freiwillig gemeldet, um Abschiebungen zu begleiten, auch weil er mehr von der Welt sehen wollte. Matthias, dunkles Haar und Brille, ist ein fröhlicher Typ. 36 Abschiebungen hat er im vergangenen Jahr begleitet. Er erzählt von einem, der auf dem Flug offenbar absichtlich in die Hose gemacht habe. Der Geruch sei für alle eine Qual gewesen. Die Einsatzleiterin erinnert sich an einen Mann, der einem ihrer Kollegen unvermittelt mit der Faust ins Gesicht schlug.

Sensible Maßnahmen

Am nächsten Morgen beim Frühstück in Tiflis tragen viele der Polizisten kurze Hosen. Dass die Beamten mit Gesichtern und Familiennamen nicht in den Medien auftauchen wollen, hat damit zu tun, dass Abschiebungen nicht unumstritten sind. Über Sammelabschiebungen berichten die Behörden in der Regel erst hinterher. Journalisten an Bord sind eigentlich nicht erwünscht.

„Rückführungen sind in mehrfacher Hinsicht sensible Maßnahmen und erfolgen deshalb unter Ausschluss der Öffentlichkeit“, erläutert ein Sprecher des Innenressorts. „Da sie zugleich häufig Gegenstand von zum Teil unberechtigter, schwerwiegender Kritik sind, wurde nach intensiver Abwägung auf Leitungsebene im Bundesinnenministerium entschieden, um hier mehr Transparenz zu schaffen, ausnahmsweise einem Medium mit großer Reichweite die Begleitung zu ermöglichen.“

Schweigen gegenüber Bekannten

Für Menschen, die gegen Abschiebungen demonstrieren, sind die Polizisten Vollstrecker des Bösen. Die Beamten selbst sehen ihre Rolle anders. Matthias sagt, in Afrika spielten zu viele Menschen mit dem Gedanken, sich nach Europa aufzumachen. Dass das nicht aufgehen könne, müsse eigentlich jedem einleuchten. Dennoch erzählen einige im Bekanntenkreis nicht, was es mit ihren Dienstreisen auf sich hat.

Zurück am Flughafen Leipzig-Halle hält die Einsatzleiterin eine kurze Ansprache. Dann geht’s nach Hause. Und viele wissen, dass sie einige aus der Gruppe schon bald wiedersehen werden – bei der nächsten Abschiebung.

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