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Mittlerer Osten Ronja Gottschling vom Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung über die Aufhebung des Sonderstatus, die Reaktionen und Folgen

„In der Region sind Wut und Ärger sehr groß“

Die Politikwissenschaftler des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung analysieren jährlich alle relevanten Auseinandersetzungen – auch die in Kaschmir. Ronja Gottschling leitet die Gruppe Asien und Ozeanien.

Frau Gottschling, müssen wir Angst vor einem Atomkrieg haben?

Ronja Gottschling: Nein, das glaube ich nicht. Es gab in der Vergangenheit immer mal wieder brenzlige Situationen in Kaschmir, aber Vorbereitungen für einen Einsatz von Atomwaffen waren nie zu beobachten. Darum ist das auch jetzt nicht zu erwarten. Beide Regierungen wissen, was Atomwaffen anrichten können. Sie sind eher Druckmittel.

Heißt das, es bleibt friedlich?

Gottschling: Nicht unbedingt. Eine militärische Auseinandersetzung ist nicht ausgeschlossen. Immerhin hat Indien zehntausend zusätzliche Soldaten entsandt – wenn auch wohl eher, um die Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Allerdings hat die pakistanische Regierung die Eskalation bislang nicht vorangetrieben und etwa ebenfalls zusätzliche Truppen geschickt, sondern eher mit diplomatischen Mitteln und Handelssanktionen geantwortet.

Warum hat Indien den Sonderstatus überhaupt gekündigt?

Gottschling: Die aktuelle indische Regierung verfolgt eine sehr hindu-nationalistische Agenda und hat schon in der letzten Wahlkampagne angekündigt, in Kaschmir durchzugreifen.

Wie ist die Reaktion in Indien auf diesen Schritt?

Gottschling: Eine große Mehrheit unterstützt ihn. Es gibt aber auch Kritiker, die möglicherweise vor den obersten Gerichtshof ziehen und die Entscheidung auf ihre Rechtmäßigkeit hin überprüfen lassen werden.

Wie ist die Lage in Kaschmir?

Gottschling: In der eigentlichen Konfliktregion, dem Kaschmir-Tal, in dem hauptsächlich Muslime leben, sind Wut und Ärger sehr groß. Die Militärpräsenz ist sehr hoch und die Berichterstattung stark eingeschränkt. Es ist nicht absehbar, dass sich die Bevölkerung dort mit dem Gedanken anfreunden wird, nun direkt unter der Zentralregierung zu stehen.

Kann es eine Lösung geben?

Gottschling: Das ist sehr schwierig – und durch die aktuelle Entwicklung noch schwieriger geworden, weil der Widerstand dadurch gefördert wird.

Das Interview wurde telefonisch geführt und vor Abdruck nochmals vorgelegt.

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