Welt und Wissen

Jeder zusätzliche Reiz lenkt ab

Dass digitale Techniken im Gehirn Spuren hinterlassen, berichten auch die Experten vom Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Rund 90 Wissenschaftler erforschen, wie Computer, Tablets und Internet Lernen und Lehren verbessern können.

„Digitale Medien sind per se weder gut noch böse“, stellt Psychologie-Professorin Ulrike Cress (53), Direktorin des Instituts, klar. „Sie haben bestimmte Eigenschaften, die das Denken beeinflussen. Wir analysieren, wie wir Medien besser nutzen, um Lernprozesse zu erleichtern. Und wie wir negative Effekte vermeiden, etwa – bezogen auf das Internet – die Überlastung des Gehirns durch zu viele Informationen.“

Begrenzte Kapazitäten

Arbeitsgruppenleiter Peter Gerjets hat zum Stichwort Überlastung ein Beispiel parat: „Lesen und Lernen im Internet ist anders als im Buch“, sagt der 54-Jährige. „Das liegt daran, dass digitale Texte andere Funktionalitäten enthalten als analoge, gedruckte Texte.“

Grundsätzlich gilt, dass Lesen, anders als Sehen und Sprechen, nicht biologisch angeboren ist, sondern erlernt wird. Das heißt, dass das Gehirn die Verbindungen der Zellen dafür erst anlegt. Wobei ein Mensch beim Lesen Hochleistungen vollbringt: Das Gehirn muss blitzschnell Zusammenhänge bilden, unsinnige Wortbedeutungen unterdrücken.

In Versuchen ließen die Tübinger ihre Testpersonen Texte, die Links zum Weiterklicken enthielten, zum Lernen nutzen. Und im Vergleich dazu Texte ohne Verlinkungen. Das Ergebnis: Links bedeuten Ablenkung. Das Gehirn springt an, und zwar das Arbeitsgedächtnis. Dabei werden offenbar Ressourcen benötigt, die auch zum Lernen wichtig sind. Das Lernergebnis kann dadurch sinken.

Konzentration sinkt

„Das Spannende ist: Links lenken sogar dann ab, wenn sie nicht aufgemacht werden – nur, weil sie vorhanden sind“, berichtet Gerjets. „Sogar wenn wir Testpersonen sagen, sie sollen die Links nicht anklicken, sondern sich nur auf ihr Lernziel konzentrieren, können wir zeigen, dass die Lernleistung sinkt.“

Ablenkung, Unterdrücken von Impulsen, Lernen – alles fordert seinen Teil der begrenzten Ressourcen. Wie der Zusammenhang genau ist, und wie sich das langfristig im Kopf niederschlägt? Gerjets Antwort: Da muss man weiterforschen. dpa