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Johnson ungewohnt seriös

Die völlig zerstrittene britische Regierungspartei der Tories liegt in Trümmern. Der Opposition geht es kaum besser. Die Fronten in der Bevölkerung sind so verhärtet wie nie. Nach Theresa May wird nun jemand anderes sein Glück im unendlichen Brexit-Drama versuchen. Wer auch immer es wird: Die Chancen, dass es ihr oder ihm ähnlich ergehen wird wie Theresa May, stehen ausgesprochen hoch.

Ginge es nach dem Großteil der Mitglieder der konservativen Partei, würde Boris Johnson (Bild) schon sicher in die Downing Street ziehen. Und der Polit-Clown macht Ernst. Johnson hat abgenommen, die blonden Haare sind zurechtgestutzt. Offenbar hört er auf den Rat seiner neuen Freundin, selbst Kampagnen-Profi, sich noch im Hintergrund zu halten. Bislang ist es auffallend ruhig um ihn. Bei den wenigen Auftritten präsentierte er sich ungewohnt seriös. Der radikale Europaskeptiker, eine Marke auch im Ausland, will als jener Kandidat erscheinen, der die Partei wieder einen kann.

Patriotismus als Wegweiser

Ein konkreter Plan, wie es mit dem Brexit weitergehen soll, fehlt derweil. Willkommen zurück im Brexit-Fantasieland. Johnson hält sich bekanntermaßen nicht mit Details auf, auch die Realität blendet er gerne aus. Für ihn liegt die Lösung, will man seinen Kolumnen in seinem Hausblatt „The Telegraph“ glauben, im Vertrauen an die alte Pracht des Vereinigten Königreichs. Patriotismus als Wegweiser. Seiner Ansicht nach soll das Königreich ohne Vereinbarung aus der EU austreten, wenn Brüssel keine besseren Bedingungen offeriert. Auf jeden Fall will er am 31. Oktober, dem aktuellen Scheidungstermin, raus, alles andere wäre „Selbstmord“ für die konservative Partei, wie er sagt.

Doch steuert der künftige Premier, ob Johnson oder ein anderer Hardliner, tatsächlich auf einen ungeordneten Brexit zu, würde mit Sicherheit das Unterhaus einschreiten, wo diese Variante auf der Liste aller unbeliebten Optionen ganz oben steht. Es dürfte zu einem Misstrauensvotum kommen. Wie es dann weitergehen könnte, ist unklar. BILD:

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