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Interview Sportwissenschaftler Klaus Bös plädiert für eine Abschaffung der Bundesjugendspiele – weil sie etwas abverlangen, was die Schulen kaum zuvor einüben

„Kinder von heute sind nicht so fit wie die Elterngeneration“

Archivartikel

Mannheim.Bewegungsforscher Klaus Bös warnt vor frustrierenden Erlebnissen für weniger sportliche Kinder.

Bei den Bundesjugendspielen erhalten Mädchen für die gleiche Leistung zum Teil deutlich mehr Punkte als Jungen. Wissenschaftlich ist das nicht begründet, oder?

Klaus Bös: In der Vorpubertät unterscheiden sich Mädchen und Jungen in der motorischen Leistungsfähigkeit nicht beziehungsweise die Unterschiede sind nicht groß. Genetisch, biologisch gibt es also keinen Grund, hier getrennt zwischen Mädchen und Jungen zu bewerten.

Trotzdem findet eine Ungleichbehandlung statt – warum?

Bös: Weil es in der Realität dann doch Unterschiede gibt. Bei Übungen zur Beweglichkeit, Rhythmik, Koordination bringen die Mädchen bessere Leistungen, gibt man ihnen einen Ball in die Hand, schneiden sie schlechter ab. Das ist ein Faktum.

Aber wie ist das zu erklären, wenn es genetisch-biologisch vor der Pubertät doch gleich gute Ergebnisse geben müsste?

Bös: Das lässt sich nur „altmodisch“ erklären: Jungen haben mehr mit Bällen zu tun, Mädchen tanzen lieber. Hinter den unterschiedlichen Ergebnissen steht eine unterschiedliche Sozialisation. Unter den Studentinnen am Karlsruher Sportinstitut beispielsweise hatte ich immer einige sehr gute Handballerinnen und Fußballerinnen. Aber viele von ihnen hatten ältere Brüder. Das spricht für die Sozialisationsthese.

Aber sollte nicht alles dafür getan werden, diese Geschlechterstereotypen aufzubrechen? Die Bundesjugendspiele sagen ja den Mädchen – und auch den Jungen: „Mädchen brauchen ein paar Extrapunkte, damit es für eine Urkunde reicht.“

Bös: Wenn ich die Wertetafeln angleichen würde und Jungen und Mädchen künftig gleich viele Punkte erhielten, würden die Mädchen im Schnitt schlechter abschneiden. Im Übrigen haben wir bei unseren Motoriktests, mit denen wir die Fitness von Kindern messen, auch nach Geschlechtern getrennte Bewertungstabellen. Alles andere wäre ungerecht.

Es ist so lange ungerecht, wie die Gesellschaft einem Mädchen suggeriert, sie könne nicht genauso weit werfen wie der gleich alte Junge in ihrer Klasse!

Bös: Das ist richtig. Theoretisch müssten Mädchen wie Jungen bis zu einem Alter von etwa zehn Jahren gleich gute Leistungen erbringen. Die Wirklichkeit spricht aber dagegen.

Warum?

Bös: Aufgrund der unterschiedlichen Sozialisierung und Affinität zu den Sportarten. Mädchen gehen gerne ins Ballett, Jungen zum Fußball oder Hockey. Ich würde aber unabhängig davon dafür plädieren, die Bundesjugendspiele abzuschaffen und durch Disziplinen zu ersetzen, die näher an der Lebenswirklichkeit sind. Die Bundesjugendspiele fragen Fertigkeiten ab, die nie oder nur sehr wenig vorher trainiert wurden. Wie soll ein Kind, das einen Weitsprung mit Anlauf so gut wie nie geübt hat, dies am Tag des Wettkampfes plötzlich können? Das führt zur Frustration und stigmatisiert die Kinder.

Es stigmatisiert Jungen und Mädchen gleichermaßen.

Bös: Deshalb sollte dafür gesorgt werden, dass Kinder, egal ob Jungen oder Mädchen, motiviert werden und Spaß an der Bewegung haben.

Und das kommt bei den Bundesjugendspielen zu kurz?

Bös: Nicht nur dort! Die Kinder von heute sind grundsätzlich nicht so fit wie die Elterngeneration. Gesellschaftspolitisch ist das ein Riesenproblem. Diese Kinder kommen weniger fit ins Erwachsenenalter und leiden später an Krankheiten, von denen wir wissen, dass sie allein mit Bewegungsmangel zu tun haben.

Das Interview wurde telefonisch geführt und zur Autorisierung vorgelegt.