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Inklusion Seit fast vier Jahren arbeitet der Asperger-Autist Manuel Gonzáles für den Softwarekonzern in Walldorf – und ist glücklich über diese Chance / Kompetenzen Betroffener bisher kaum genutzt

„Klare Ansagen – das hilft dem ganzen Team“

Drei Mal schmiss Manuel Gonzáles das Studium. Heute arbeitet er bei SAP. Der Konzern stellt Menschen mit Autismus ein – auch um von deren besonderen Fähigkeiten zu profitieren.

Lange, 31 Jahre nämlich, hat es gedauert, bis Manuel González (Name geändert) wusste, dass er Dinge anders wahrnimmt als andere Menschen. Zwei Studiengänge hatte er da bereits abgebrochen, der dritte Anlauf stand auf der Kippe. Da riet ihm jemand, sich professionelle Hilfe zu suchen. So kam Gonzáles schließlich zu einer Diagnose: Asperger-Autist.

Heute ist er 38 Jahre alt. Und hat – im Gegensatz zu vielen Menschen mit einer ähnlichen Diagnose – einen Job: Seit fast vier Jahren arbeitet er bei SAP in Walldorf. 2013 hatte der Softwarekonzern das Programm „Autism at Work“ ins Leben gerufen. Das Ziel: Bis zum Jahr 2020 soll ein Prozent der Beschäftigten Menschen mit Autismus sein. Ein Prozent – auf diese Zahl wird der Anteil der Menschen mit Autismus an der Bevölkerung geschätzt.

Manuel Gonzáles ist ein Mann mit freundlichem Gesicht und braunen Augen. Ruhig und überlegt erzählt er von seinem ersten Studium: Volkswirtschaftslehre in Mannheim. „Ich habe es als Alleinkämpfer probiert“, sagt er. Lerngruppen oder ähnliches hatte er nicht, weil er Probleme hatte, mit den anderen Studenten in Kontakt zu treten. „Von tausend Studenten, die in den Vorlesungen waren, hatte ich vielleicht Kontakt zu ein oder zwei.“

Problem: Gedanken sortieren

González kam mit dem Pensum nicht zurecht. Das Schwierigste waren schriftliche Ausarbeitungen über mehrere Seiten: Worte zu finden, die Gedanken zu sortieren und zu Papier zu bringen, das fällt ihm immer noch schwer. „So musste ich das Studium abbrechen“, sagt Gonzáles, seine Stimme stockt ein wenig. „Und dann stand ich nach mehreren Jahren ohne Abschluss da.“ Später versuchte er es noch mit Mathematik in Heidelberg und mit Elektronik und Informationstechnik an der Fachhochschule in Heilbronn. Aber: „Alles drei hat nicht geklappt.“

Warum er die Anforderungen nicht erfüllen konnte – auf diese Frage hatte Gonzáles selbst damals keine Antwort. Bis er schließlich die Diagnose erhielt. Erst einmal war Autismus nur ein Name für ihn. „Die Diagnose ändert deinen Blick, aber die Umwelt bleibt dieselbe. Die Probleme lösen sich dadurch nicht von allein.“ Aber: „Es gibt eine Orientierungshilfe, wenn man erfährt, womit andere Autisten auch Schwierigkeiten haben, besonders, wenn erklärt wird, weshalb das in der Gesellschaft zu Problemen führt“, sagt González. „Dann kann man, gemeinsam mit seinem Umfeld, Lösungen suchen.“

Das ist auch der Ansatz, den SAP mit dem Programm „Autism at Work“ verfolgt. 32 Menschen mit Autismus arbeiten inzwischen bei SAP in Walldorf und Roth, drei von ihnen sind Auszubildende, einer ist Praktikant. Weltweit sind es 146 an 22 Standorten in elf Ländern. Sie arbeiten überwiegend in der IT, aber auch in anderen Bereichen.

Kopfhörer gegen den Lärm

Der Konzern bietet verschiedene Formen der Unterstützung an: Wird ein Autist eingestellt, bekommt sein künftiges Team ein Training, erklärt der Personaler Marco Fien, der das Programm seit Anfang 2017 leitet. Die Mitarbeiter erfahren etwas über Autismus im Allgemeinen, und der neue Kollege kann über seine persönlichen Besonderheiten berichten. „So lassen sich Kleinigkeiten relativ schnell aus der Welt schaffen“, sagt Fien. Wenn jemand etwa lieber über E-Mail kommunizieren möchte, weil Anrufe ihn nervös machen.

„Menschen mit Autismus haben eine andere Wahrnehmung als die meisten anderen Menschen“, erklärt González. Dennoch kann die gemeinsame Arbeit gelingen. Dafür ist seiner Meinung nach nicht einmal viel Anpassung notwendig. „Eigentlich braucht es nur Bewusstsein und Verständnis.“ Wenn die Leute verstünden, welches Problem ein Autist habe, seien sie bereit zu helfen. „Wo dieses Schmiermittel des Verständnisses fehlt, gibt es Reibung.“

Gonzáles arbeitet bei SAP an einer Software, also einem Computerprogramm, für den Zahlungsverkehr – etwa Banküberweisungen. Er passt das Programm für Kunden in verschiedenen Ländern an die jeweiligen Bedingungen dort an oder sucht und korrigiert Fehler im Programm. Er ist Teil eines Teams mit zehn Kollegen. Seinen Arbeitsplatz hat er in einem Großraumbüro, das bis zu 40 Menschen Platz bietet, unterteilt in Abschnitte für jeweils vier Personen. Das Schwierigste für ihn ist die Geräuschkulisse. „Manchmal ist es anstrengend, wenn der Kollege neben mir telefoniert, und in den anderen Einheiten auch noch zwei.“ Die Lösung: ein spezieller Kopfhörer, der den Lärm reduziert.

Klare Strukturen helfen

Ein weiteres Problem ist das Licht. Wenn die Sonne hell durchs Fenster scheint, der Gang aber dunkel ist, ermüdet González schnell. „Wir haben das so gelöst, dass ich zwischen mir und meinem Kollegen, der am Fenster sitzt, eine Pinnwand aufgestellt habe, die mich vom Außenlicht abschottet. Das sieht nicht toll aus, aber es funktioniert.“

Hilfreich ist es für González außerdem, klare Strukturen zu haben. Ein Formular auszufüllen fällt ihm leichter als einen Text frei zu formulieren. „Das ist strukturiert, da ist klar und deutlich, was man von mir will“, erklärt er. Und wie klappt es nun mit den Kollegen? Gonzáles ist zufrieden. Er hatte einen sogenannten Buddy, also einen Kameraden, der ihm am Anfang geholfen hat, sich zurechtzufinden. Erleichtert wird ihm der Umgang mit den anderen im Team dadurch, dass jeder seine festen Aufgaben hat, und er weiß, mit welcher Frage er sich an wen wenden kann. „Die Kollegen haben alle ein offenes Ohr“, sagt er. Vorbehalte oder Berührungsängste hat er nicht erlebt. „Sie haben offen nachgefragt, und ich konnte erzählen, welche Schwierigkeiten ich habe.“ Etwa mit dem Augenkontakt.

„Als Kind hatte ich keinen Augenkontakt zu den Menschen“, erzählt Gonzáles. Erst als Erwachsener lernte er, dass es üblich ist, das Gegenüber anzusehen. Inzwischen fällt das kaum noch auf. Gonzáles blickt seinen Gesprächspartner direkt an, nur hin und wieder schweift der Blick ab. Manchmal verzieht er den Mund zu einem leichten Lächeln. „Ja“, sagt er, „heute bekomme ich das wesentlich besser hin.“ Er hat es sich antrainiert. „Vor zehn Jahren hätte ich das ganze Gespräch über an die Wand schauen können und es wäre mir nicht einmal aufgefallen.“

Informationen aus der Mimik des anderen herauszulesen, ist noch immer anstrengend für ihn. „Sobald ich Worte suche, schweife ich ab, um weniger Informationen bewusst verarbeiten zu müssen.“ Was ihm gar nicht liegt, ist das lockere Geplauder. Während des Gesprächs verdunkelt sich der zuvor strahlend blaue Himmel, bald peitscht heftiger Regen die Pflanzen vor dem Fenster hin und her. González scheint es nicht zu bemerken. Er spricht ruhig weiter, erwähnt das Wetter mit keiner Silbe.

Es ist gerade dieses „andere“ Verhalten, das Fiens Ansicht nach Autisten häufig den Weg in den Beruf verbaut. Weil sie zum Beispiel im Bewerbungsgespräch scheitern. So landeten viele in Jobs, die nicht zu ihnen passten, sagt der Personaler und erzählt von einem Mathematiker, der im Supermarkt Regale einräumte. „Bei uns werden diese Leute nicht rausgefiltert.“ Das setze voraus, dass man sich den Lebenslauf genau anschaue, dass man den Menschen dahinter kennenlerne. Aber, stellt er klar: „Wir stellen nur jemanden ein, von dem wir sicher sind, dass er es auch schaffen kann.“ Aus reiner Wohltat werden keine Jobs vergeben. „Damit würde SAP niemanden einem Gefallen tun“, weder dem Kollegen oder den Teams noch dem Unternehmen.

Vielfalt als Wettbewerbsvorteil

Er bekomme oft die Frage gestellt: „Wie rentiert sich das für SAP?“, erzählt Fien. Verstehen kann er sie nicht. „Wir möchten die besten Talente gewinnen“, sagt er. Durch das Programm erreiche SAP Menschen, die sonst durchs Raster fallen würden. „Das bringt einen enormen Wettbewerbsvorteil.“ Außerdem wolle der Konzern möglichst viele verschiedene Perspektiven und Denkweisen in den Arbeitsalltag einbeziehen – und natürlich von den besonderen Fähigkeiten der Menschen profitieren. „Viele unserer Kollegen besitzen ein sehr ausgeprägtes logisches Denkvermögen, ein extrem gutes Auge für Details und eine geringe Toleranz gegenüber Fehlern.“ Stärken, die gut zu einem IT-Unternehmen passen.

Bisher hat SAP mit den Kollegen gute Erfahrungen gemacht. „Sie sind eine Bereicherung für die Teams“, meint Fien. So müssten etwa alle Kollegen ihre Kommunikation überdenken. „Klare Ansagen – das kann für das ganze Team hilfreich sein.“

Und wo sieht Gonzáles seine Stärken? „Ich möchte ganz genau wissen, was die Software macht“, sagt der Mann, der auch seine Freizeit gern am Computer verbringt. Fehler zu suchen und zu korrigieren – da kann er sich verbeißen. „Das Programm ermöglicht Menschen wie mir, produktiv zu sein“, sagt er. „Wenn man nur als Autist wahrgenommen wird, das zerstört einen. Irgendwann nimmt man sich selbst nur noch als solchen wahr.“ Produktiv sein zu können gibt ihm ein neues Selbstwertgefühl.

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