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Serie Nachhaltigkeit Zwischenbilanz des Selbstversuchs / Ein Erfahrungsbericht über nasse Hosen, abgelaufenen Joghurt, warmes Licht und die ewige Verlockung eines „Nationalgerichts“

Klimaschonendes Leben – nichts für Weicheier

Vier Wochen lang nachhaltig leben: Das hat sich unser Autor bei seinem Selbstversuch vorgenommen. Bis zur Halbzeit hat er ein paar Siege errungen, einige Niederlagen eingesteckt, sieben Lehren gezogen – und eine düstere Ahnung. Von Martin Geiger

Hallo, erinnern Sie sich noch an mich? Ich bin derjenige, der vier Wochen lang nachhaltig leben will. Zwei habe ich schon geschafft – und geschafft bin ich selbst auch ein wenig. Die Halbzeitbilanz.

Ernährung

Gleich am ersten Tag meines Selbstversuchs gibt es mittags in der Kantine Frikadellen. Frisch, saftig, verlockend! Obwohl mir das Wasser im Mund zusammenläuft, bestelle ich: „Kartoffelrösti mit Pilzen, bitte.“ Garniert mit der entsprechenden Portion Stolz schmecken sie sogar.

Doch schon am nächsten Tag sind alle guten Vorsätze vergessen: weil es Linsen mit Spätzle gibt. Beim Warten in der Schlange nehme ich mir noch vor, das obligatorische Würstchen einfach wegzulassen. Dann übernehmen meine schwäbischen Gene die Kontrolle, für die unser „Nationalgericht“ in der vegetarischen Variante einfach unvorstellbar ist. Lehre Nummer eins: Aller Anfang ist schwer.

Mobilität

Das Auto bleibt in der Garage, das ist der Plan. Also fahre ich entweder mit dem Rad zur S-Bahn, um von unserer Wohnung in Heidelberg nach Mannheim zur Arbeit zu kommen, oder gleich direkt dorthin. Glücklicherweise gibt es in der Redaktion eine Dusche, so dass das Verhältnis zu den Kollegen geruchsmäßig dadurch nicht beeinträchtigt wird.

Dummerweise regnet es jedoch gleich in den ersten Tagen einmal. Die Jacke hält, aber meine Hose sieht – weil mein Rad keine Schutzbleche hat – in etwa so aus wie die meines kleinen Sohnes, als er das mit dem Töpfchengehen noch nicht so ganz raus hatte. Also föhne ich sie im Büro erst mal trocken. Ob das jetzt nachhaltiger ist? Lehre Nummer zwei: Morgen nehme ich Wechselklamotten mit. Lehre Nummer drei: Nachhaltigkeit ist nichts für Weicheier!

Dafür ist sie lehrreich. Als Autofahrer weiß man ja nur theoretisch, dass der eigene Wagen Abgase produziert. Beim Ein- und Aussteigen riecht man nichts, und dazwischen, während man im klimatisierten Innenraum sitzt, auch nicht. Aber stellen Sie sich mal mit dem Rad an einer roten Ampel in die Schlange der wartenden Autos. Dufte – wie der Berliner sagt.

Reisen

„Mit der Bahn?“ Mit leicht entgeistertem Blick schaut mich meine Frau an, als ich bei der Planung des Familienausflugs zur Bundesgartenschau nach Heilbronn die autolose Variante ins Spiel bringe. Aber ihre Liebe ist größer als die Bequemlichkeitseinbuße, und so laufen, nein, hetzen wir morgens zum Hauptbahnhof. Unterm Strich stellt sich das sogar als günstigere Variante heraus: Zeitlich nimmt es sich nicht viel, und die Fahrkarten sind mit 20,60 Euro sogar etwas billiger als Benzin- und Parkhauskosten zusammen. Den Überschuss investieren wir in zwei Gläser Grauburgunder. Da ist er deutlich besser angelegt.

Beim nächsten Ausflug sieht es jedoch anders aus. Beim letzten Badeseebesuch des Jahres (klingt komisch, ich weiß, aber der Selbstversuch fand aus technischen Gründen ein paar Wochen vor dem Abdruck statt) nehmen wir doch das Auto. So sind wir in 26 Minuten in Heddesheim. Mit Bus und Bahn hätte es mehr als eine Stunde gedauert. Angesichts dieser Differenz denke ich über die Kosten nicht mal nach. Von der innerfamiliären Überzeugungsarbeit mal ganz abgesehen.

Essensreste

Als Vater eines Dreijährigen ist man ja schon einiges gewohnt. Nicht umsonst gibt es den Spruch: Wenn wir den Papa nicht hätten, müssten wir uns ein Schwein anschaffen. Aber das Honigbrot, das beim Buga-Ausflug als Frühstück gedacht war, dann aber doch den ganzen Tag in der Dose im Rucksack neben Gurken und Käse lag (und so aussieht), hätte ich ohne Selbstversuch nie gegessen. Ebenso wenig wie den Vanillejoghurt, der schon zehn Tage abgelaufen war. Doch jetzt gelten andere Regeln, also runter damit. Und abwarten, was passiert. Am nächsten Morgen steht fest: gar nichts. Lehre Nummer vier: Nachhaltigkeit erfordert Selbstüberwindung.

Ein interessanter Effekt hilft dabei allerdings. Wer Reste aus Überzeugung isst, fühlt sich nicht mehr wie der Depp, an dem es eben hängenbleibt. Sondern wie ein Kämpfer für das Gute, ein kleiner Alltagsheld. Damit sehen die angebissenen Brote und die Milchreispampe zwar immer noch nicht besser aus. Aber der bittere Beigeschmack fällt weg.

Getränke

Die „Blumenvase“ ist seit zwei Wochen mein treuer Begleiter im Büro. In diese Glasflasche fülle ich mir Leitungswasser zum Trinken ab. Ist unlogisch, aber so schmeckt’s besser. Und das Kalkaroma und die Trübungen, die mich früher oft am Wasser aus dem Hahn gestört haben, sind ebenfalls verschwunden. Warum auch immer. So bleiben nur die positiven Effekte übrig (kein Kistenschleppen, keine zusätzlichen Ausgaben) und Lehre Nummer fünf: Leitungswasser ist für mich das Zukunftsmodell.

Strom

Glück gehabt! Unser Anbieter hat das ok-Power-Siegel, das bescheinigt, dass unser Öko-Strom keine Mogelpackung ist. Das erspart mir den Anbieterwechsel. Zumal der Preis halbwegs akzeptabel ist: Im Vergleich zum klassischen Tarif kostet die Kilowattstunde gerade einmal 0,6 Cent mehr. Bei unserem Verbrauch zahlen wir damit im Jahr einen Aufschlag von 17,76 Euro. Aber das ist mir die Nachhaltigkeit wert.

Außerdem werden wir, hat man mir versprochen, dank des Austauschs unserer alten Birnen gegen LED-Lampen künftig ohnehin weniger verbrauchen. Die fünf neuen Leuchten sind zwar nicht ganz billig: 28,50 Euro zeigt mir die Baumarktkasse an. Aber dafür bestehen sie den Härtetest: Meine Frau, eine der glühendsten Verfechterinnen der alten Birnen („wegen des schönen warmen Lichts“), segnet den Austausch nach ein paar Tagen Probezeit ab. Der ultimative Ritterschlag!

Lebensmittelkauf

Regional, saisonal, bio lautet die Vorgabe. Also ab zum Wochenmarkt. Interessanterweise gibt es dort am Obst- und Gemüsestand zwar auch Bananen, Zitronen und Ananas. Doch etwa 70 Prozent der Waren stammen aus eigenem Anbau, erklärt der Verkäufer des Ladenburger Hegehofs. Und der Saisonkalender des nachhaltigen Warenkorbs (siehe Grafik) gibt im wahrsten Sinne des Wortes grünes Licht für die meisten Produkte: Möhren, Salat, Kürbis und Kartoffeln haben Saison, können also mit bestem Gewissen in meinem Einkaufskorb landen. Ein Glück, dass der Selbstversuch nicht im Januar stattfinden muss!

Was noch fehlt, kaufe ich im Biomarkt. Weil dort die Preise durchaus etwas höher sind, wage ich ein kleines Experiment: Ich kaufe die jeweils gleichen Lebensmittel – Brot, Nudeln, Milch, Käse, solche Dinge – in halbwegs vergleichbaren Größen einmal beim Discounter und einmal im Biomarkt. Bei Ersterem bezahle ich 17,48 Euro, bei Letzterem 31,55 Euro. Also 80 Prozent mehr. Lehre Nummer sechs: Nachhaltigkeit kann ganz schön teuer sein.

Zwischenbilanz

Zwei Wochen sind nun also rum. Meine Anfangseuphorie ist einer gewissen Routine gewichen. Und meine Zwischenbilanz fällt zwiespältig aus: Einerseits ist die Umstellung gar nicht so groß wie befürchtet. „Was machst du außer dem Fahrradfahren eigentlich anders als sonst?“, fragt mich zwischendurch sogar meine Frau. Andererseits ahne ich, dass ich vor allem den Verzicht aufs Auto langfristig nicht durchhalten werde. Vier Wochen sind das eine. Meine Faulheit das andere.

Die siebte und vorerst letzte Lehre: Bequemlichkeit ist der Feind der Nachhaltigkeit. Trotzdem ziehe ich das jetzt durch: Also weiter geht’s! Nach den gesamten vier Wochen lesen Sie wieder von mir.

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