Welt und Wissen

Leben mit „kleiner Hand“

Spätestens als sie in einem unbeobachteten Moment den Schokoladenweihnachtsmann selbstständig ausgewickelt und aufgegessen hatte, war allen klar: Jegliche Bedenken sind unbegründet. Marika, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist da vielleicht zwei oder drei Jahre alt. Sie hat nur eine Hand, die linke. Die rechte ist nicht voll ausgebildet. Handteller und Finger fehlen. „Ein Stumpf“, sagen die Ärzte. „Die kleine Hand“, sagen Marika und ihre Eltern.

Denn obwohl ihre rechte Hand nicht alles kann, zum Beispiel ein Gurkenglas festhalten, um mit der anderen Hand den Deckel abzuschrauben, so kann Marika doch vieles: Sie hat studiert, hat einen Job, fährt Fahrrad und schiebt ihre Tochter mit dem Kinderwagen spazieren. Sport habe sie in Kindheit und Jugend nie viel getrieben, lieber Bücher gelesen. „Aber mein Vater, der Handballer war, hat mir immer gesagt: Ich kenn’ einen, der spielt Handball nur mit einer Hand, wenn du das willst, geht das auch.“ Aber Marika wollte nicht.

Prothese abgelehnt

Als sie 1982 geboren wird, wissen ihre Eltern bis zur Geburt nichts von der Fehlbildung. „Es gab nur zwei Ultraschalls, und auf denen konnte man kaum etwas erkennen.“ Die Hebamme habe ihrer Mutter das neugeborene Baby hingehalten. „Sehen Sie genau hin, das ist Ihre Tochter“, habe die Hebamme gesagt. Die Mutter sieht: Es fehlt eine Hand. Das war alles. „Es gab keine Ratschläge, keine Untersuchungen.“ Erst später soll sie eine Prothese bekommen – aus kosmetischen Gründen. „Doch die war zu schwer, zu warm, ein Fremdkörper, der an mir herunterhing.“ Zwei Tage trägt sie die Prothese, dann nie wieder. In ihrer Schule wird sie wegen ihrer „kleinen Hand“ nie gehänselt, nur einmal, während eines Streits, bezeichnet ein Mädchen sie als Krüppel. Ihre Mitschülerinnen gehen zum Rektor und melden das.

Erst seit Marika Mutter ist, kommt sie öfter mal ins Grübeln. „Was ist, wenn meine Tochter von anderen Kindern gefragt wird: ,Was ist denn mit deiner Mutter los?’“ Noch wird sie selbst von den Kindern im Kindergarten angesprochen. Kürzlich habe ein Kind zu ihr gesagt: „Mein Vater hat zwei Hände, das ist viel besser.“ Marika antwortet, davon sei sie überzeugt. „Aber manche Menschen werden eben so geboren und andere so.“ 

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