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Ernährung Wissenschaftler sprechen von einer Überflussgesellschaft / Sind Produkte im Supermarkt heute zu günstig?

Lebensmittel sind oft noch zu gut für die Tonne

Brötchen, Nudelreste, Salatblätter. Tonnenweise landet Essen im Müll. Obwohl vieles davon genießbar ist. Das Problem ist riesig – und einige Menschen haben Lösungen im Kampf gegen Verschwendung gefunden.

Beinahe wäre der Lachs im Müllcontainer der Lebensmittelhändler gelandet. Und Bauern hätten die Avocados in Spanien auf den Feldern und an den Bäumen verrotten lassen. Doch Raphael Fellmer (Bild) wollte es anders. Er hat die Waren gekauft und möchte sie weiterverkaufen, obwohl manches davon abgelaufen ist. In den vergangenen beiden Jahren hat der 35-Jährige drei Supermärkte in der Berliner Innenstadt eröffnet. Er will, dass mehr Menschen abgelaufene Lebensmittel kaufen.

Doch warum werfen Menschen überhaupt so viel Essen weg? Wir leben in einer Überflussgesellschaft, wie Agrarwissenschaftler Thomas G. Schmidt vom Thünen-Institut in Braunschweig sagt. Früher hätten die Menschen weniger weggeworfen, weil das Essen für sie relativ gesehen teurer war. In den 1960ern gab man in Westdeutschland rund ein Drittel seines Einkommens für Essen, Getränke und Tabak aus, so das Statistische Bundesamt. Inzwischen sind es bundesweit nur etwas über zehn Prozent.

Bauern produzieren effizient und günstig. Subventionen verbilligen die Preise. Immer wieder kaufen die Menschen zudem mehr ein, als sie brauchen. Und wenn die Ware ablaufen ist, werfen sie sie weg. Als ein Knackpunkt gilt das Mindesthaltbarkeitsdatum auf vielen Produkten. Es heißt jedoch nicht, dass Lebensmittel danach schlecht sind.

Über dieses Problem dachte Supermarktgründer Fellmer intensiv nach. „Viele Leute haben das Vorurteil, dass man Lebensmittel, die abgelaufen sind, am liebsten nicht isst“, sagt der 35-Jährige. „Wir wollen die abgelaufenen Lebensmittel aus der Nische in die Mitte der Gesellschaft tragen.“ Die Geschäfte tragen den Namen „Sirplus“ – das ist ein Wortspiel aus dem englischen Wort „surplus“ für Überschuss und Sir – höflich für Herr.

Frage der Haftung

Beim Einkauf im Laden freut sich Student Mathis Cech, dass er zugleich etwas für die Umwelt tut. Rentnerin Herma Eichhorst, die zum ersten Mal im Geschäft ist, ist erstaunt, als sie die Sauce-Hollandaise-Packung betrachtet. Sie ist seit mehr als einem Jahr abgelaufen. „Da hab’ ich einen Schreck gekriegt, dass man so weit zurück noch etwas essen kann.“

Aber riskiert man so nicht eine Lebensmittelvergiftung? Nein, sagt Fellmer. Er übernimmt die Haftung. Ein Lebensmittelhygieniker und andere Mitarbeiter prüfen jede Lieferung. Dabei schauen sie, ob die Verpackung unbeschädigt ist, riechen, ob der Geschmack normal ist oder probieren auch mal einen Schluck oder einen Bissen.

Noch muss der Unternehmer Kredite aufnehmen und zählt auf Spenden, sogenanntes Crowdfunding. Aber sein Geschäft wächst. Jeden Tag holen Angestellte mehrere Hundert Kilo Lebensmittel etwa von Großhändlern und Bauern ab – Dinge, die Tafeln nicht annehmen wollten oder konnten, etwa weil sie nicht genügend Platz hatten. Fellmer nutzt ein großes Lager. Mehr als 70 Leute arbeiten für ihn. Sein Plan: weitere Läden in anderen Städten.

Das Konsumverhalten von Verbrauchern ist vergleichsweise schwer zu ändern. Einfacher ist es hingegen bei großen Betrieben, die dadurch Geld sparen können, wie Thomas G. Schmidt vom Thünen-Institut sagt. Geld ist eben oft ein guter Hebel. Ein nachhaltiges Image ist ebenfalls wertvoll.

Kurz vor dem Haltbarkeitsdatum verkaufen manche Läden zum Beispiel Waren günstiger. Zudem versuchen Ketten exakter vorauszusehen, wie viel ihre Kunden kaufen möchten, um so Reste zu verringern. Dabei berücksichtigen sie Erfahrungen von Mitarbeitern. Was nicht verkauft wird, geben sie oft an Tafeln weiter.

Deutsche Supermärkte machen dies freiwillig. In Frankreich hingegen sind sie verpflichtet, überschüssige Nahrung an Tafeln abzugeben. Und in Italien können die Läden Steuern sparen, wenn sie übrig gebliebenes Essen spenden. Diese finanziellen Anreize hätten zu deutlich weniger Verschwendung geführt, sagt der Agrarexperte Robert van Otterdijk von der UN-Ernährungsorganisation FAO.

Hohe Kosten

Auch in Restaurants und Imbissen landet tonnenweise Essen im Müll. Was direkt mit Gästen in Berührung kam, muss weg, egal wie gut es noch ist – Vorschrift zur Lebensmittelhygiene. Und es gibt Küchenabfälle . . . Muss das alles so sein? Immerhin kostet das weggeworfene Essen eine Menge Geld. Zu dem Schluss kam auch das Management der H-Hotels, wie ihr Director of Food, Jürgen Schmieder, sagt. Er ist für das Essen in rund 600 Hotels zuständig. „Heutzutage möchte man sich nachhaltig präsentieren“, sagt er. „Das erwartet der moderne Kunde.“ Torsten von Borstel (Bild) ist Geschäftsführer des Vereins United Against Waste, Gemeinsam gegen Verschwendung, den die Gastro-Branche vor einigen Jahren gegründet hat. Er und sein Team haben schon in die Tonnen von mehr als 650 Restaurants, Hotels, Krankenhäusern, Schulen, Altenheimen und Betriebskantinen geschaut.

Von Borstel möchte der Bundesregierung Lösungen vorschlagen, um ihr Ziel und das der Vereinten Nationen zu erreichen, die Verschwendung von Essen bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Von Borstel bringt den Küchen transparente Container mit. Sie tagen die Aufschriften „Lager“, „Produktionsabfall“, „Überproduktion“, „Tellerrücklauf“. In diesen sammelt das Personal den Müll sechs Wochen lang. Die Mengen werden gewogen und die Werte in ein Computerprogramm eingetippt. Viele seien geschockt, wie viel sie wegwerfen, sagt der Müll-Experte. „Die transparenten Tonnen schaffen Bewusstsein und machen auch oft den Köchen ein schlechtes Gewissen.“

Je nach Betrieb entwickelt von Borstel Vorschläge: Viele sind simpel, wie er sagt. Am meisten Müll entstehe oft, weil die Köche nicht wissen, wie viele Gäste kommen und zu viel zubereiten. Dass seine Maßnahmen wirken, sieht von Borstel bei späteren Messungen: Küchen könnten ihre Lebensmittelabfälle deutlich verringern. So könne beispielsweise ein Hotel mit 600 Gästen allein beim Frühstücksbuffet 25 000 Euro pro Jahr sparen.

Das Bewusstsein sei wichtig, sagt auch der FAO-Experte Robert van Otterdijk. Und besonders gut wirke Aufklärung in Schulen. „Wir können sagen, dass Lebensmittelverschwendung in einer Welt, wo Menschen verhungern, unmoralisch ist.“ Noch wirksamer wäre es vermutlich, wenn die Verbraucher – wie die Betriebe – mit dem Lebensmittelretten Geld sparen könnten, wie Schmidt vom Thünen-Institut sagt. Dazu müsste das Essen teurer werden . . .

Dass man Verbraucher übers Portemonnaie zum Umdenken bringen kann, zeigen beispielsweise Plastiktüten in Supermärkten: Viele nutzen sie weniger, seit der Handel Geld dafür verlangt. Da teurere Lebensmittel zurzeit jedoch politisch schwer umsetzbar scheinen, sind die Verbraucher selbst zum Handeln aufgefordert. (Bilder: Istock, DPA)