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„Manchmal völlig überzogen“

Archivartikel

Mia Lindemann, Vorsitzende des Asylarbeitskreises Heidelberg

Frau Lindemann, nach den Ereignissen in Ellwangen gibt es eine Diskussion über Abschiebungen. Wie laufen diese in der Praxis eigentlich ab?

Mia Lindemann: Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Früher wurde eine Abschiebung angekündigt, das ist nun nicht mehr so – wahrscheinlich um zu verhindern, dass die Betroffenen sich ihr entziehen. Jetzt kommt in der Regel nachts die Polizei und holt die Leute aus dem Bett. Manche fügen sich, verhalten sich als Opfer, manchmal gibt es aber auch Gegenwehr.

Sollten die Behörden anders handeln?

Lindemann: Auf jeden Fall! Es kann zwar keine humane Abschiebung geben, weil es für die Betroffenen immer fürchterlich ist. Schließlich hatte jeder einen triftigen Grund, hierher zu kommen. Manchmal geht die Polizei aber völlig überzogen vor. Wir hatten vor ein paar Monaten in Heidelberg einen Fall, wo 30 Beamte angerückt sind, um eine Familie mit vier kleinen Kindern abzuschieben. Die Eltern durften ihre Kinder nicht mal aus dem Bett holen, das haben Polizisten gemacht. Das löst natürlich entsetzliche Angst aus und geht gar nicht! Da sitzt der Schrecken tief. Es wäre viel besser gewesen zu sagen: Bitte finden Sie sich zu der Zeit da und da ein.

Haben Sie Verständnis für Widerstand bei Abschiebungen?

Lindemann: Ja. Ich will nicht sagen, dass es immer rechtens ist. Aber wenn man sieht, dass ein schutzbedürftiger Mensch nachts abgeholt wird, ist doch klar, dass die Empörung groß ist: zum einen bei den anderen Geflüchteten, die sich solidarisch zeigen. Zum anderen aber auch bei Deutschen, die die Geschichte unseres Landes kennen und wissen, dass daraus eine besondere Verantwortung für Flüchtlinge erwächst. mig (Foto: privat)