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Afrika Küstengebiete im Südosten und das Binnenland Malawi sind von den jüngsten Unwetterkatastrophen gezeichnet / Hilfsorganisationen versorgen Menschen

Mit den Fluten kommt die Angst vor Krankheiten

Nach den Tropenstürmen „Idai“ und „Kenneth“ schaute die Welt Ende April vor allem auf das unmittelbar betroffene Mosambik. Doch auch im Binnenland Malawi sind Hunderttausende Menschen betroffen – im Süden des Landes drohen Ernteausfälle.

Als Felix Fabiano und seine Familie um vier Uhr nachts aus dem Schlaf gerissen wurden, war es schon zu spät. Die Fluten hatten sein Dorf unweit des Shire-Flusses im südlichen Malawi bereits komplett umschlossen. Der Familie blieb keine Zeit, um ihr Hab und Gut und ihre sechs Ziegen zu retten. Gemeinsam mit seinen Nachbarn baute Fabiano hektisch ein Floß aus herumliegenden Holzpfählen und begann damit, Frauen und kleine Kinder zu retten. „Als die zwei Boote von Hilfsorganisationen kamen, stand bereits alles unter Wasser“, erinnert er sich.

Heute sitzt Fabiano, 39, mit seiner Frau Faless, 39, und seinem fünf Monate alten Sohn Miracle vor seiner Notunterkunft, einer geduckten Hütte aus Stroh und Plastikplanen. Sie steht in einem Flüchtlingslager, zwei Kilometer vom Dorf entfernt. Der Boden ist staubtrocken, und die brennende Mittagssonne lässt den Großteil der Bewohner in den Schatten flüchten. „Die Regierung hat Medikamente gebracht und medizinische Tests gemacht“, sagt Fabiano. Dennoch habe er Angst vor Krankheiten. Mehr als 1000 Flüchtlinge teilen sich rund 20 Toiletten. Immerhin können zwei seiner drei älteren Kinder zur Schule gehen, denn diese ist aufgrund ihrer geografisch erhobenen Lage intakt geblieben.

Mit seinem Schicksal ist Felix Fabiano nicht allein. Allein Wirbelsturm „Idai“, einer der schwersten Tropenstürme auf der Südhalbkugel überhaupt, forderte in Malawi mindestens 60 Menschenleben. Insgesamt sind nach offiziellen Angaben nur von „Idai“ und allein in Malawi rund 900 000 Menschen betroffen, 87 000 Flüchtlinge leben in Lagern.

Obwohl Malawi weniger hart getroffen wurde als Mosambik und Simbabwe, warnen Hilfsorganisationen vor einer Hungerkatastrophe: In den betroffenen Provinzen im südlichen Malawi an der Grenze zu Mosambik ist Erntezeit. Doch die Bevölkerung, auf dem Land meist Kleinbauern, hat einen großen Teil der Feldfrüchte verloren. Nahe dem Shire-Fluss im Distrikt Chikwawa sind die Schäden unübersehbar: Links und rechts der Straße erstrecken sich Felder mit totem Mais, der Wind spielt mit den schlaffen, ausgebleichten Halmen.

Warnung vor Hungersnot

Das Dorf Mwalija, in dem auch Fabiano lebte, ist jetzt eine Geistersiedlung. Ipyana Mkangama von der Nichtregierungsorganisation Welthungerhilfe läuft durch die Überbleibsel des Dorfzentrums entlang verfallener Häuser aus roten Ziegeln. Sie deutet auf einen Erdhaufen: „Das hier war einmal ein Haus. Weil die Bewohner kein Geld hatten, es mit Beton zu verfugen, und stattdessen mit Lehm gemauert haben, ist davon außer einigen Ziegeln nichts mehr übrig.“

Die Ingenieurin ist eigentlich für den Bau einer Bewässerungsanlage verantwortlich, doch in den vergangenen Wochen stand die Nothilfe im Vordergrund. Die Welthungerhilfe ist eine der Organisationen, die die Menschen in den Flüchtlingslagern mit dem Allernötigsten versorgen. Dazu gehören nährstoffreiches Mehl, Seife, Tabletten zur Wasseraufbereitung, Salz, Moskitonetze, Wasserkanister, Eimer, Teller und Besteck. Besondere Aufmerksamkeit gilt Schwangeren, stillenden Müttern und kleinen Kindern.

Doch jetzt gehe es darum, den Menschen Perspektiven zu bieten, sagt Mkangama: „Die Regierung hat Land in höheren Lagen bereitgestellt, damit das Dorf umsiedeln kann. Das ist nicht weit entfernt, so dass die Bauern sogar dieselben Felder bestellen könnten.“ Die Welthungerhilfe will auch Kantholze und Wellbleche bereitstellen, damit die Bewohner des Mwalija-Camps entlang des häufig über die Ufer tretenden Shiwe-Flusses zumindest temporäre neue Häuser bauen können.

Die malawische Regierung hat schon nach den Flutkatastrophen von 2010 und 2015 wenig erfolgreich versucht, Menschen in gefährdeten Gebieten wie Chikwawa zur Umsiedlung zu bewegen. Warum genau die Menschen nicht umziehen wollten, weiß Mkangama nicht. Vielleicht, weil Menschen hier sehr mit ihrem Land verwurzelt seien. Außerdem seien die letzten Überflutungen längst nicht so stark gewesen wie nun. „Ich bin sicher, dass die Menschen jetzt umsiedeln werden.“

Schwierige Hygiene

Auch in höheren Lagen Malawis wurden die Menschen von den Fluten überrascht. In der Region Mulanje am Fuße des gleichnamigen Dreitausenders sorgten die starken Regenfälle für Sturzfluten. Auch dort ist das Wasser wieder weg, doch die Not ist geblieben. Offensichtlich wird das beim Besuch der Nsuka-Grundschule, die man nur über eine holprige, unbefestigte Straße erreicht. Die Schule dient als Notunterkunft für 174 Menschen. Die dunklen Klassenräume werden morgens für die rund 1000 Schüler genutzt. Abends rollen die unfreiwilligen Gäste dort Decken und Plastikplanen aus und schlafen nach Männern und Frauen getrennt auf dem Betonboden.

Dazu gehört Teresa Nahawa, 41, die hier mit ihrem Mann und drei Kindern untergekommen ist. „Wir schlafen hier sehr schlecht. Wir sind über 100 Frauen und Kinder in einem Raum“, sagt sie. „Und es gibt zu wenig zu essen – nur morgens und abends etwas Brei.“ Dazu kommt, dass es nur drei Toiletten gibt. Es sei schon das dritte Mal in neun Jahren, dass ihr Haus durch Überschwemmung zerstört worden ist.

Förderung ist angelaufen

Immerhin kommt auch bei ihr Hilfe an: Die Nichtregierungsorganisation Plan international versorgt in der Region mehrere Camps mit dem Nötigsten und hat dabei vor allem Frauen und Kinder im Fokus. „Die Frauen erhalten von uns Hygiene-Beutel“, sagt Mitarbeiter Frank Chifuno. Für den Wiederaufbau will die Weltbank 700 Millionen Dollar (625 Millionen Euro) zur Verfügung stellen. Ein Teil des Geldes sei bereits in existierende Projekte investiert worden, teilte die multinationale Entwicklungsbank in Washington mit. Rund die Hälfte der Mittel gehe an Mosambik, das am schwersten von dem Unwetter getroffen worden war.

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