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Wirtschaft Wer sich als Unternehmer im Reich der Mitte ansiedeln möchte, sieht sich einheimischen Firmen gegenüber benachteiligt

Mittelständler wollen nach China – und kämpfen mit Auflagen

Archivartikel

Das Reich der Mitte wird als Absatzmarkt auch für mittelständische Unternehmen immer wichtiger. Die Rahmenbedingungen sind allerdings schwierig. Bei einer Delegationsreise versucht Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, Wege zu ebnen.

China ist ein Gigant, der für sich den politischen und wirtschaftlichen Führungsanspruch im globalen Konzert immer deutlicher formuliert –und dafür einen klaren Plan hat. Es ist ein Land, in dem sich Technologieglaube, Optimismus und eine extrem hohe Geschwindigkeit mit Disziplin verbinden. Zwar geht die Zentralregierung mit harter Hand vor, kann aber durch die wirtschaftlichen Erfolge trotzdem darauf verweisen, in jüngster Vergangenheit Millionen Menschen aus der Armut herausgeholt zu haben.

Die kommunistische Regierung unter Präsident Xi Jinping gibt den Menschen in dem 1,4-Milliarden-Einwohner-Staat zwar alle technologischen Mittel an die Hand, kontrolliert und überwacht das Internet aber in weiten Teilen. Doch wer sich gegenüber Chinesen kritisch äußert, merkt, dass diese Haltung zunächst eine sehr westliche Sichtweise ist. Ist ein so großer Staat mit seinen etlichen Megastädten überhaupt anders zu regieren? Kann der Wohlstand in solch einem Land langfristig gesichert und vergrößert werden, wird es nach den demokratischen Spielregeln des Westens regiert? Die Rahmenbedingungen, unter denen auch die Unternehmen aus Baden-Württemberg versuchen, Geschäftsbeziehungen in China aufzubauen und zu intensivieren, sind nicht einfach. Bei der fünftägigen Delegationsreise mit Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut (CDU) sind daher auch zahlreiche Firmen mit dabei. Vor allem für die Mittelständler sind solche Reisen wichtig, verfügen sie schließlich nicht über den umfassenden Erfahrungsschatz mit dem Reich der Mitte wie Unternehmen wie Bosch oder Würth, die ebenfalls teilnehmen.

Herausforderer im Wettbewerb

Der Markt wird jedenfalls für nahezu alle relevanten Branchen im Südwesten immer wichtiger. „China hat für uns eine enorme Bedeutung bekommen. Auch die Mittelständler fassen hier immer mehr Tritt“, sagt Dietrich Birk, Präsident des Maschinenbauverbands VDMA in Baden-Württemberg. Exporte im Wert von rund fünf Milliarden Euro würden in seiner Branche jedes Jahr vom Südwesten nach China getätigt, das damit einer der wichtigsten Absatzmärkte sei. „Sie fordern uns auch im Maschinenbau als Wettbewerber heraus“, sagt Birk.

Probleme bereiteten jedoch die ungleichen Wettbewerbsbedingungen ausländischer und einheimischer Firmen in China. „Zum einen ist das Recht auf geistiges Eigentum sehr wichtig. Wir brauchen außerdem auch Rechtsmittel, um dieses durchzusetzen“, so Birk. Weiter würden die rechtlichen Vorgaben bei ausländischen Firmen deutlich schärfer kontrolliert als bei einheimischen. Wer im Hintergrund mit den baden-württembergischen Wirtschaftsvertretern spricht, bekommt zu hören, dass dies vor allem bei den Umweltauflagen der Fall sei. Weiter sei die Datensicherheit ein Problem, der erschwerte Internetzugang behindere die Geschäfte.

Bei allen Vergleichen ist es wichtig, die Dimensionen in China im Blick zu behalten. Nur zwei Zahlen: Die kommunistische Staatspartei hat 92 Millionen Mitglieder – und damit zehn Millionen mehr, als ganz Deutschland Einwohner hat. In Shanghai leben rund 24 Millionen Einwohner– das sind mehr als doppelt so viele wie in Baden-Württemberg. Es gibt viele Themen, über die auch Hoffmeister-Kraut – unter Wahrung diplomatischer Spielregeln – mit den Chinesen spricht.

Wertschätzung für den Südwesten

So wird es ihr als durchaus mutig ausgelegt, auf dem Empfang zur 25-jährigen Partnerschaft Baden-Württembergs mit der chinesischen Provinz Jiangsu (hat 80 Millionen Einwohner) aus ihrer Sicht ungleiche Behandlung deutscher und einheimischer Unternehmen in China angesprochen zu haben. Dass der dortige Gouverneur Wu Zhenglong sich so viel Zeit für die Delegation aus Baden-Württemberg nimmt, spricht jedoch für die Wertschätzung der Chinesen für den Südwesten als Handelspartner. Selbst zu einem Gespräch in kleinem Kreis mit Hoffmeister-Kraut zeigt er sich bereit –natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Geht es um wirtschaftlichen Erfolg, sind Chinesen viel risiko- und experimentierfreudiger als die Deutschen.

Eines ihrer Staatsziele ist, den Übergang durch eine von Innovationen getriebenen Wirtschaft zu realisieren. Mit Milliardenprojekten wie dem Start-up-Zentrum Dream Town geht sie dieses Vorhaben gezielt an. Harald Unkelbach, Mitglied der Würth-Geschäftsführung und Vize-Präsident des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags, ist beeindruckt von der Dynamik der chinesischen Wirtschaft. „Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung ist noch schneller geworden, als es bei meinem letzten Besuch vor einigen Jahren der Fall war. Und diese Geschwindigkeit nimmt noch zu“, erklärt Unkelbach. Den Technologieglauben in der Bevölkerung nutzt der Staat aber auch für seine Zwecke. So wird in 29 der 34 Provinzen, Regionen und Sonderverwaltungszonen bereits das System der Gesichtserkennung eingesetzt, was bei den deutschen Besuchern für Befremden sorgt. Ob auf öffentlichen Plätzen, im Nahverkehr oder in der Gastronomie – in Chinas Städten sind überall Kameras zu sehen. Mit den Aufnahmen weiß der Staat, wer zu welcher Zeit wo ist. Dies dient nicht nur zur Fahndung nach Verbrechern, sondern soll in Zukunft vor allem für eine Sache genutzt werden: der geplanten Einführung eines Social-Scoring-Systems.

Seidenstraße bis nach Europa

Das heißt: Jeder einzelne Bürger erhält ein individuelles Bewertungskonto. Verstößt er gegen Regeln –und sei es nur das Überqueren einer roten Ampel –, bekommt er Minuspunkte. Welche Konsequenzen des Staates für die Betroffenen folgen, bleibt jedoch noch offen. Mit ihren Fünf-Jahres-Plänen gibt die chinesische Regierung Ziele vor, auf deren Umsetzung sie akribisch achtet.

Dazu kommt das Prinzip „One Belt, One Road“ (Ein Band, eine Straße), mit dem Staatschef Xi Jinping die globalen Märkte für sein Land öffnen will. Die Strategie umfasst aber mehr als die Wiederbelebung des Handelswegs Seidenstraße über Land- und Wasserwege nach Europa. Dahinter steckt auch die Absicht, den Wirtschaftskorridor durch die Arktis bis nach Europa auszuweiten – und darüber hinaus: eine Ausdehnung nach Lateinamerika ist ebenfalls geplant.

Zudem ist China in den Entwicklungsländern in Afrika aktiv und schafft sich dort durch Kooperationen und durchaus fragwürdige Kreditvergaben große wirtschaftliche Möglichkeiten für die Zukunft. Auch hier hat die Regierung Xi Jinping einen klaren Plan.

Unser Korrespondent Michael Schwarz begleitet noch bis Sonntag die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut bei ihrer fünftägigen China-Reise.

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