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Landtagswahl Traditionelle Muster gehen im südlichen Bundesland verloren / Konservative Einstellungen schwächen sich bei Bevölkerung ab, althergebrachte Mehrheit wackelt

Moderne bringt Mythos Bayern in Gefahr

Archivartikel

Alle Bayern lieben Leberkäse, tragen Lederhosen und Dirndl, gehen zum Oktoberfest und wählen die CSU. Von wegen. Der Freistaat ist vielfältiger als gedacht. Das bekommt auch die Politik zu spüren.

Hohe Berge, braune Kühe, paradiesische Seen. Dazu Trachtler, Dialekt und Volksmusik im Biergarten: Wer Bayern hört, hat Klischees im Kopf. Klischees einer ganz eigenen Welt, die nicht nur Menschen im Freistaat leben und lieben. Weltweit ist der weiß-blaue Lebensstil ein Exportschlager mit Oktoberfesten rund um den Erdball.

Doch auch in Bayern steht die Zeit nicht still, was zur Landtagswahl vor allem die CSU zu spüren bekommt. „Diese Welt verändert sich, auch in Bayern, schneller als viele wollen“, ruft Ministerpräsident Markus Söder (CSU) jüngst seinen Anhängern auf dem Parteitag zu. Der Mythos Bayern stehe vor der Herausforderung, Identität und Seele zu erhalten.

Ablesen lassen sich die Veränderungen an den Bevölkerungszahlen. Anfang des Jahres knackte der Freistaat die 13-Millionen-Einwohner-Marke. Der Anteil der Ausländer lag bei 12,6 Prozent, Tendenz steigend. Hinzu kommen die vielen Neu- und Wahl-Bayern, die hier leben. Auch Digitalisierung und technischer Fortschritt tragen zum Wandel bei.

Shanty-Chor im Frankenland

Die Folgen: Bayern wird vielfältiger, und das hat Konsequenzen für alle Lebensbereiche. Wo früher ein Trachtenverein, ein Wirtshaus und ein Fußballverein ausreichten, zieht es die Menschen in ihrer Freizeit zusätzlich zum Surfen auf Bäche und Flüsse, in einen unterfränkischen Shanty-Chor, oder sie werden mitten in Oberbayern zum Kiltträger. Und neben Schweinen und Kühen werden im Freistaat längst auch Garnelen und Alpakas gezüchtet.

Die Kamele mit wuscheliger Frisur seien mittlerweile „integriert“ in Bayern, sagt Irene Hemetmayr, die im oberbayerischen Gars am Inn die Zucht Bayernland Alpakas betreibt. Heute wisse jeder, was ein Alpaka ist. „Vor elf Jahren, wie ma das Ganze begonnen hat, hat jeder g’sagt, was is a Alpaka?“ Außergewöhnlich ist auch Crusta Nova, die erste Garnelenzucht Bayerns. „Das ist eine absolute bayerische Eigentümlichkeit, das muss man wirklich sagen“, sagt Geschäftsführer Fabian Riedel. Seit zweieinhalb Jahren beliefern Riedel und Co. Hotels, Supermärkte, aber auch bayerische Gasthäuser und über den Onlineshop Tausende Kunden.

Auch im bayerischen Landtag könnte es bald Bedarf geben, sich an etwas Neues gewöhnen zu müssen: Nach dem 14. Oktober könnte sich auch hier eine neue Vielfalt abzeichnen: bis zu sieben Fraktionen könnten im Maximilianeum Platz finden und die Zeit der CSU-Alleinregierung endgültig vorbei sein. Bei 35 Prozent lag die Partei in aktuellen Umfragen – ein historischer Tiefpunkt.

Die CSU leidet wie andere Volksparteien unter der Zersplitterung des bürgerlichen Lagers und dem Wandel der Gesellschaft. Seit Jahren stemmt sich die Partei dagegen. Doch bei Wahlen bekommt die CSU nicht mehr alle Menschen unter einen Hut. Will die CSU aber weiterhin ihrem Anspruch als Volkspartei gerecht werden, muss sie für alle sich zerfasernden Milieus wählbar bleiben.

Einen Schlüssel dafür könnte der Heimatbegriff liefern. „Heimat ist ein Gegentrend zur Globalisierung“, sagt Andreas Fischer-Appelt von der gleichnamigen Kommunikationsagentur. Damit verbunden würden Nähe, Kontrollierbarkeit, Geborgenheit. „Die CSU als regionale Partei weiß, wie wichtig Verankerung ist.“

Zum Alltag in der bayerischen Heimat gehören längst aber auch Teile eigentlich fremder Kulturen – etwa die Kiltträger: Rund 500 bis 1000 sind hier und da immer wieder in Bayern zu sehen, schätzt Hans-Jürgen Kaschak vom Bavarian Highland Club im oberbayerischen Steinkirchen. „Früher war es schon so, dass man belächelt wurde. Das passte gar nicht.“ Heute sehe man überall Männer im Kilt.

Längst hat die Bayern Tourismus Marketing GmbH die Vielfältigkeit und die damit gewissermaßen einhergehende Widersprüchlichkeit erkannt und mit der Kampagne „Bayern – traditionell anders“ in Szene gesetzt. Hier stehen Leute im Mittelpunkt, die Traditionen neu interpretieren: Zu ihnen gehört auch „Lederhosen-Tätowierer“ Michael Thalhammer, der im oberbayerischen Sauerlach Steinböcke, Hopfendolden und Palmen in die Tracht brennt. Jedoch sorgt er sich, dass die Politik Heimat und Tradition in ein schlechtes Licht rückt.

Christliche Schublade

Dass die CSU mit „bunt“ fremdelt, zeigt sich am Umgang mit Homosexualität. Die lässt sich im Wertesystem der Partei schwer abbilden. Als der Bundestag die Ehe für alle erlaubte, setzte bei der CSU Panik ein. „Ein Jahr später können wir feststellen: Es hat keinem geschadet, es ist keine Katastrophe eingetreten“, sagt Patrick Slapal, Landeschef vom Verband der Lesben und Schwulen. Er hofft, dass der Umgang mit Homosexuellen in seiner Partei entspannter wird. Wie gut sich in Bayern Homosexualität mit Brauchtum verträgt, zeigen seit 2001 die „Schwuhplattler“, die erste schwule Schuhplattlergruppe der Welt.

Das christliche Bayern – auch das ist eine der vielen Schubladen. Die Christlich Soziale Union trägt das C im Namen und beruft sich allenthalben darauf. Nicht zuletzt argumentierte Söder damit, als er verordnete, im Eingang einer jeden Landesbehörde müsse ein Kreuz an die Wand genagelt werden. Die Realität aber ist eine andere: Auch in Bayern laufen den Kirchen die Mitglieder weg. In der Klischee-Welt der Postkarten gehören Kirchen aber trotzdem noch immer zu den beliebtesten Motiven – neben Bier, Schlössern, braunen Kühen und Bergen. „Kirchen und Berge gerade in Kombination laufen wirklich gut“, sagt Boris Hesse vom Postkarten-Produzenten Schöning-Verlag. Das sei wohl ein bisschen der Heile-Welt-Effekt.

Fußballklub als Aushängeschild

Auch der FC Bayern München spielt mit Klischees. Bei den Meisterfeiern zeigen sich die Fußballspieler in Lederhosen. Ein Spagat zwischen Asienreisen und Wurzeln. Mit Erfolg. Mit 290 000 Mitgliedern ist der FC Bayern der größte Sportverein der Welt. Im Juli schrieb der Bayer Tobias Moorstedt für die „NZZ am Sonntag“: „Toskana, Kalifornien, Bayern; es gibt nicht viele Landstriche auf der Welt, die für ein klar definiertes Lebensgefühl stehen.“

Schon 1521 habe Aventinus in der „Bayerischen Chronik“ seine Landsleute als versoffen, verfressen, faul, und spielsüchtig beschrieben. Trifft es das? Muss es die Abgrenzung vom Rest der Nation geben, um das und die Bayern erklären zu können?

Info: Dossier unter morgenweb.de/ltwby

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