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Reportage Die große Sport-Party mit Gästen aus aller Welt ist vorbei – nun setzt der Kater ein / Stimmen und Stimmungen aus einem Land, das sich wochenlang über sich selbst wunderte

Nach der Atempause zurück im russischen Alltag

Archivartikel

Die Fußball-WM bescherte Russland ein Sommermärchen: lachende Gesichter, entspannte Gemüter. Nun will jeder an dem Augenblick festhalten.

An einem Abend waren die Nigerianer weg. Tagelang hatten die Männer vor der nigerianischen Botschaft in Moskau ausgeharrt, hatten auf blauen Planen gesessen, hatten Essen von russischen Hilfsorganisationen bekommen und Worte gehört, die sie nicht begriffen. Etwa 200 von ihnen waren in Moskau, ja bereits in Nigeria in eine Falle getappt: Sie hatten sich auf ein falsches Versprechen eingelassen – mit der Fan-ID für die Fußball-Weltmeisterschaft, somit visumsfrei, nach Russland einreisen und im Land Arbeit finden.

Russland aber war weder auf diese Art von Fälschungen vorbereitet noch auf die Menschen, die ohne Geld und ohne Papiere obdachlos würden in seinen Städten. Bis der nigerianische Außenminister die Gestrandeten in einer Maschine nach Abuja begleitete, hatten sie knapp eine Woche nach dem Finalspiel noch in Moskau festgesessen. Glückssucher in Zeiten einer Weltmeisterschaft, die so viele Offizielle und Nicht-Offizielle der Fußball-Welt in ihrem euphorisierten Überschwang als „die beste aller Zeiten“ bezeichneten.

Das bunte, das laute Fußball-Fest? Mit fröhlichen Gesichtern überall und lauten Gesängen? „Alles perfekt organisiert“, betonten Verantwortliche und Fans rund um die Spiele immer wieder.

Dann aber regnete es in Wolgograd. So viel, wie seit Monaten nicht mehr. Sturzbäche trugen einige Straßen und Gehwege weg. Auch um die neugebaute Wolgograd-Arena, wo Saudi-Arabien spielte oder Tunesien, auch Island, Japan und Polen. Die Umgebung der Arena versankt in einer riesigen Pfütze. Das Stadion in Nischni Nowgorod hatte den Regen in seiner Stadt ebenfalls schlecht vertragen. Das Dach war undicht. „Es ist so wie immer. Willkommen im Alltag nach der WM“, sagen nun viele in Russland.

Ein Alltag, dem Alexander mit seiner Balalaika auch noch Tage nach dem WM-Endspiel am Luschniki-Stadion in Moskau trotzen will. Die Fanmasse ist längst weg, Alexander sitzt dennoch hier. Seine Anlage liefert ihm die Bässe, sein Instrument die Töne. Melancholische Klänge russischer Volkslieder. Der Rentner hustet stark, das durchbricht seine Musik im Rausch der Autos und der S-Bahn über ihm. Mit Wassertanks gefüllte Lastwagen fahren durch die Straßen am Stadion, ein paar Putzfrauen in Orange schleppen Müllsäcke weg. Alexander zupft und hustet. Verweile doch, du Augenblick voller Freiheit, voller fröhlicher Gesichter und entspannter Gemüter. Ein Monat Sommermärchen. Nun macht sich der Kater nach der Party breit.

Etwa drei Millionen Besucher hat die Fußball-Weltmeisterschaft Russland beschert. Hat dem Land und seinem Präsidenten zum Image-Gewinn verholfen. Eisenbahn, Fluglinien, Wohnungsvermieter, Taxifahrer, Hotels, Restaurants, die Getränkeindustrie, sie alle erlebten einen kleinen Boom. Vergessen der vermutlich übermüdete Taxifahrer, der am Anfang der Spiele in eine Menschenmenge unweit des Kremls raste und Fans wie Einheimische verletzte.

Verstummt die aufgeregten Klagen russischer Männer, die Russlands Frauen als Schlampen bezeichneten, weil diese sich ausländischen Männern angeblich zu freizügig näherten. Die WM-Freifahrttickets für Bus und Bahn gelten nur noch wenige Tage, die Fifa-Fähnchen werden von den Brücken und Pfeilern abmontiert. Die WM, sie verschwindet in den Erinnerungen aller, die sie über Wochen hinweg hautnah mitbekamen, die sich darüber wunderten, wie freundlich das stets so mürrische russische Gesicht sein kann, wie gelassen russische Polizisten agierten, obwohl sich vor ihren Augen so viele Regelverstöße abspielten. Verstöße, die nichts Politisches an sich hatten. Denn kaum wurde es politisch, sei es mit Plakaten für die Rechte Homosexueller oder für die Freilassung politischer Gefangener, reagierten diese Polizisten genauso wie sie immer reagieren: abführen.

Welche gewichtige Rolle Russlands Polizei hat, bewiesen die vier Mitglieder der Aktivistengruppe „Pussy Riot“ denn auch, als sie beim Finalspiel Frankreich gegen Kroatien als Flitzer über das Spielfeld liefen. In Polizeiuniform. Sie war es, die die Gruppe alle Kontrollen ungehindert hat passieren lassen. 15 Tage Haft bekamen die Polit-Punker für diese Aktion, drei Jahre lang dürfen die Vier keine Sportereignisse besuchen, befand ein Moskauer Gericht.

Umgerechnet etwa zwei Milliarden Euro sollen die Fußball-Touristen im Land gelassen haben, dem Bruttoinlandsprodukt würden die Einnahmen höchstens ein paar Punkte mehr hinter dem Komma bringen, sagen Ökonomen. Die neugebauten Stadien produzieren Folgekosten, einen Masterplan, wie die Kommunen sie tragen sollen, gibt es noch nicht, nur einige Überlegungen.

Noch aber berauschen sich die Verantwortlichen an den bunten Bildern, die ihnen die WM einbrachte. Sergej Sobjanin, eigentlich ein grauer und grauhaariger Apparatschik und Bürgermeister von Moskau, hat fast Tränen in den Augen, als er nur zwei Tage nach dem WM-Ende auf einer blau angestrahlten Bühne im Moskauer futuristisch anmutenden Park „Sarjadje“ steht und davon erzählt, wie sehr ihn die Menschenmassen an der Nikolskaja-Straße in seiner Stadt beeindruckt hätten. Die Nikolskaja, die schnurstracks zum Roten Platz führt und noch vor wenigen Jahren ein Durcheinander aus wild geparkten Autos und abgehetzten Menschen war, hatte sich gleich am ersten WM-Tag zu einer inoffiziellen Fanmeile verwandelt, die sie bis zuletzt geblieben war. Für die Fans waren diese 700 Meter Straße zu einer Märchenwelt geworden, für Sobjanin die Bestätigung dessen, was er seit etwa sieben Jahren mit der Stadt vorhat: ihr Gesicht ändern, in dem er Straßen und Plätze umpflügen lässt.

Die WM ist nicht nur Putins Erfolg, sie ist auch Sobjanins Erfolg, der Erfolg der Offiziellen von Kaliningrad bis Jekaterinburg. Sie ist auch der Erfolg der Menschen, die nach jedem Sieg ihrer Nationalmannschaft laut singend die Straßen füllten, weil sie verstanden hatten, dass so etwas wie in diesen Tagen, dieser überraschende Atemzug der Unbekümmertheit, nicht so schnell wiederkommt.

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